Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 149 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Heirnann Unikower: Aie Aufgabe dev Menschheit 149 Die /lufgade der ITlenfdlheif. 6ne Erklärung der biblischen Schöpfungsgefdlidlte. Von Cehrer Heirnann Unikower-Namslau (Schief.) m ersten Kapitel der Bibel ist der Schöpfungsbericht nicht die Hauptsache: Es wird darin nur von der im Judentum überlieferten Anstcht über die Entstehung der Welt ausgegangen, um die Bedeutung und Aufgabe des Menschen innerhalb der Welt darzulegen. Die Ansicht von der Entstehung der Welt ist nach dem Bibeltext folgende: Gott ist der Schöpfer, der unsichtbaren Welt, des „Fimmels" und der sichtbaren Welt, der „Erde". Die sichtbare Welt ist zunächst nur ein Thaos, eine ungeordnete Materie, „Wasser" genannt. Der schaffende Gdttesgeist versieht diese Materie mit einer Gestaltungskraft, die „Licht" genannt wird. Diese Gestaltungskraft bewirkt eine Ordnung des Ungeordneten, des „Finsteren." Es entsteht zunächst eine „Ausdeh!-- uung" der Materie «nach „oben." Die dadurch Entstandene Wölbung wird als sichtbarer „Fimmel" bezeichnet, der somit ein Teil der „Erde" ist- Die Materie, die „unten" ist, scheidet sich nun infolge der Gestaltungskraft in „Land" und „Meer". Das „Land" dringt j)flanzenwuchs hervor. Die Wölbung oder der sichtbare Himmel wird zum Träger der Leuchtkörper Sonne, Mond und Sterne, die wegen ihres periodisch wjedeirkohrenden Sichtbarwerdens als Zeitmesser dienen. Der Wölbungsraum wird zum Aufenthaltsort für alles „Geflügelte." Das „Meer" endlich wird zum Aufenthalsort für 'alles „Seegetier." Bis hierher wollen wir den SchöpfungSbericht uns einmal auf seinen Wert hin ansehen. Wissenschaftlich, wird man sagen, ist er bedeutungslos, kein moderner Mensch wird darin eine befriedigende Lösung der Frage nach der Entstehung der Welt finden. Darauf ist zu erwidern: Obgleich manches in diesem Bericht vielleicht doch nicht in gar so grellem Widerspruch zu den Ergebnissen der Wissenschaft steht, und obgleich dieser Darstellung eine durchaus strenge Logik innewohnt, ist der Bericht doch keine wissenschaftliche Darlegung, soll es auch garnicht sein; er dient vielmehr, entsprechend dem Gesamtinhalt der Bibel, ausschließlich der religiösen Belehrung. Wie das Werden und Entstehen im Einzelnen vor sich ging, ist der Bibel recht gleichgiltig. Nur das eine, rem Religiöse, ist ßhr von . Wichtigkeit: daß esu Gott der Urheber alles Seins ist, eine geistige Macht, die in den ewigen Naturgesetzen in die Erscheinung tritt. Der Bericht bildet in der Darstellung des Kapitels nur die Einleitung zum Haup6thema, das ja vom Menschen handeln soll. Bis jetzt würde die Erschaffung der Landlebewesen noch nicht erwähnt. Den Bericht hiervon benutzt der Verfasser des Kapitels geschickterweise als Ueberleitung zum Hauptthema. Die Landlebewesen, „alles Getier des Landes", sind nämlich Geschöpfe, die hinsichtlich ihrer äußeren Gestaltung dem Menschen am nächsten kommen. Sie, die Landtiere, werden aus Erde geschaffen, und zwar nach einem ganz bestimmten Typus: „Gott gestaltete das Landgetier nachseiner Art." Die Landtiere sind gewissermaßen nach einem bestimmten Schema gestaltet; sie werden zu Wesen gestempelt, die von ihrem erstmaligen Auftreten in der Geschichte an etwas Fertiges, .Abgeschlossenes bedeuten, deren Bestimmung sich also einfach darin erschöpft, ihr uranfängliches Sein lediglich zu behaupten und zu pflegen, kurz: Tier bleibt Tier. Im Gegensatz hierzu ist der Mensch ein Geschöpf, das die geistige Veranlagung zu höherer Entwickelung besitzt: „Gott sprach: Wir wollen Menschen machen als unser Abbild entsprechend unserm Tha-