Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 143 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3126481-3126546-3126553--1784-3128610- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
oo Mich. Krsrchrirnrr: Gedanken zum Krsblrrn der hebräischen Grbrlssprache 143 ihrem Gotte. Die Annahme eines solchen Priesterstandes, der zwischen Gott und Menschen steht, widerspricht aber den elementarsten Grundsätzen der Religion, in der ein jeglicher sein Priester und das ganze Volk „ein Volk von Priestern" sein soll, der Religion, die in dem Versöhnungstag, wo jeder aus eigener Kraft den Weg zur Höhe finden muß, ihren höchsten und gewaltigsten Ausdruck gefunden hat. Man weise nicht hin auf das Beispiel der katholischen Kirche, wo auch das Latein nur durch den Mund des Geistlichen ertöne, denn nach der Auffassung dieser Kirche ist der Priester anders als beim Judentum wirklich ein Mittler zwischen Gott und Menschen. Man weise auch nicht darauf hin, daß schon jetzt bei uns die Thora hebräisch vorgetragen werde, obwohl der Gemeinde das Vorgetragene zum großen Teil unverständlich sei; denn auch hierin soll durch einen liberal ausgestalteten Gottesdienst Abhilfe geschaffen werden (Liberale Richtlinien Nr. XI. Z. 6)?) Die vorgeschlagene Konsequenz aber ziehen hieße einen bestehenden mißlichen Ausland verallgemeinern. Ich glaube keineswegs, wie der Verfasser jener Zeilen, daß das religiöse Leben dadurch, „daß das hebräische nur mehr an heiliger Stätte als heiliges Symbol des jüdischen Glaubens thront," zur idealsten höhe gefördert wird. Denn wenn er sich davon erhofft, daß das hebräische mit dem ihm eigenen religiös-romantischen Zauber das religiöse Gefühl anregen und neu beleben werde, so läuft das eben doch auf eine mystische Wirkung dieser vom Zuhörer dann unverstandenen Sprache hinaus. Auch das erscheint mir im Widerspruch zum Geist des Judentums, zu dessen Wesen es gehört, eine Religion nicht bloß des Herzens, sondern auch der Vernunft zu sein und religiöses Empfinden 2) Vergl. auch die Ausführungen im Augustheft des vorigen Jahrgangs dieser Zeitschrift 1913, S. 190. Anmerk. d. Vers. durch den Gehalt und den Apsdruck seiner Ideen, nicht jedoch durch übersinnliche Mittel hervorzurufen. Man kann nur wiederholen: „Man würde die frommen psalmendichter und Verfasser der talmudischen und rabbinischen Gebete beleidigen, wenn man annähme, daß sie ihre tiefempfundenen Gebete zu unverstandenem Gemurmel und zur Erzeugung einer den Geist umnebelnden Stimmung verfaßt hätten." Die Frage, ob diese gottbegnadeten Männer ihre Psalmen und Gebete bloß für sich und eine gebildete Oberschicht oder aber für die Allgemeinheit geschrieben haben, scheint mir nur im letzten Sinn zu beantworten sein. Gewiß werden sie nicht ohne Weiteres von jedem verstanden und gewürdigt werden. Allein jeder kann sie verstehen, der die Wege geht, die zu ihrer Erschließung führen. „Wer immer strebend sich bemüht," für den können sie aus einem verschlossenen Mysterium zu einem geistigen Besitztum werden. Die Tatsache, daß die Anfangsgründe einer Sprache dem Neuling zunächst große Schwierigkeiten machen, hindert nicht, daß er später nicht bloß zur vollen Beherrschung, sondern auch zur Einfühlung in den Geist dieser Sprache gelangt. Die hebräische Sprache ist keine tote Sprache in des Wortes sonstiger Bedeutung. Sie ist die Sprache, in der das jüdische Volk noch heute betet, ebenso, wie es seine Vorfahren seit Jahrtausenden getan. Sie ist die Sprache, in der die Großen unserer Geschichte ihre unvergänglichen Ideen zum Ausdruck gebracht haben, für uns deshalb noch heute nicht zu entbehren. Sie ist aber auch die Sprache, die in veränderter Gestalt von vielen Juden noch heute gesprochen wird, ja deren Verbreitung eben in unseren Tagen weiter zunimmt, und die in dieser Form auch neue Geistesblüten gezeitigt hat. Dies leugnen, hieße die Augen vor den Tatsachen verschließen. Gerade in unserer Zeit, wo von allen Seiten, von wissenschaftlichen und