Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 141 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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oo MUH. Krorcheimer: Gedanken zum Problem der hebräischen Gebetssprache 141 verschwinden? Herr Lehrer Wallach entscheidet sich für das Letztere, wenigstens soweit die Gemeinde und das Haus in Betracht kommen. Gegen seine Ausführungen ist in erster Linie einzuwenden, daß das, was er erstrebt, praktisch wohl überhaupt nicht völlig erreichbar sein dürfte, wie soll die Trennung zwischen Haus und Synagoge, zwischen Gemeinde und Kultusbeamten hinsichtlich der Gebetssprache verwirklicht werden? Wenn die Gemeinde von jeder Kenntnis und Anwendung des hebräischen ausgeschlossen sein soll, so müssen auch alle von Laien vorgenommenen gottesdienstlichen Handlungen und ebenso alle in Worte gekleideten religiösen Gebräuche des Hauses, in der Landessprache statt in hebräischer Sprache zum Ausdruck kommen. Derselbe Gottesdienst also, der in der Synagoge mit mehr oder minder starker chebräischer Färbung abgehalten wird, würde, im Hause abgehalten, unter Umständen einen völlig anderen Charakter tragen. Voraussetzung hierbei wäre, daß überhaupt eine vollkommen landessxrachlich durchgeführte Gebetordnung neben der in der Synagoge geübten vorhanden ist. Desgleichen müßten all die schönen altjüdischen Bräuche, auf die der Verfasser jenes Artikels selbst wohl am wenigsten zu verzichten wünscht, es müßten — um nur einige herauszugreifen — im Hause Kiddusch, Lhanukkah, ja der ganze Seder notwendigerweise in deutscher Sprache abgehalten werden. Darüber ließe sich ja sprechen, immerhin würde aber diesen Gebräuchen dadurch viel von ihrem herkömmlichen Charakter und wohl auch viel von ihrer weihe und Poesie genommen werden?) Natürlich darf auch gegenteiligen i) Nicht uninteressant ist es, damit die Ausführungen des Geh. Oberregierungsrats Dr. Mayer- Karlsruhe in der gleichen Nummer des vorigen Jahrgangs dieser Zeitschrift (Julihest S. 125 ff.) zu vergleichen, der für unbedingte Beibehaltung der hebräischen Sprache im häuslichen Kultus eintritt. (Anm. des Vers.) Falls nicht mehr hebräisch dabei vorgetragen werden, als von den Teilnehmern im allgemeinen verstanden werden kann. Die Neubearbeitung der haggadah von Rabbiner Dr. Seligmann stellt in dieser Hinsicht ein sehr beachtenswertes Vorbild auf. Line offene Frage bleibt hierbei, wie denn der eigentliche Gottesdienst nach der von Herrn Wallach geforderten Scheidung in der Beteiligung von Gemeinde und Kultusbeamten durchgeführt werden soll. Der Verfasser hat sich hierüber nicht näher ausgesprochen. Cs dürfte aber diese Durchführung nicht bloß äußerst schwierig, wenn überhaupt möglich sein, sondern es stehen ihr vor allem auch Bedenken prinzipieller Natur entgegen, hierüber wird unten noch zu sprechen sein. Steht somit die Frage der Durchführbarkeit der von Herrn Wallach vorgeschlagenen Trennung durchaus nicht außer Zweifel, so kann man auch hinsichtlich ihrer Notwendigkeit sehr verschiedener Meinung sein. Cs ist richtig: der gegenwärtige Zustand enthält viel Unbefriedigendes, der Religionsunterricht vermag bei der derzeitigen Methode, absolut gesprochen, nur eine unzureichende Kenntnis des hebräischen und schwerlich die selbständige Erfassung und Beherrschung aller bisher üblichen, hebräischen Gebete zu vermitteln. Da indes die letzteren in einem nach liberalen Ideen ausgestalteten Gottesdienst nur mehr einen begrenzten Raum einnehmen sollen, so vermindert sich ohnehin die nach dieser Richtung dem Religionsunterricht zufallende Aufgabe. Die aber dann noch übrigbleibenden hauptgobete, deren Beibehaltung in hebräischer Sprache unbedingt geboten erscheint, nicht bloß zu verstehen, sondern auch zu beherrschen, das soll und muß auch künfttg auf grund des Religionsunterrichts möglich fein. Ich verkenne keineswegs die Mängel, die der forma-