Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 138 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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138 M. Heule: Arr deutsche Kantor 0 0 0 0 anstrengende Tätigkeit kann heute dem Eleven für den Kantorberuf diejenigen Fertigkeiten verschaffen, welche früher sozusagen spielend erworben worden sind. Deshalb fehlt es in Deutschland an Kantoren und viele Gemeinden müssen ihre Zuflucht zu Ausländern nehmen, die in vielen Fällen nur notdürftig den gestellten und gewünschten Ansprüchen genügen. Ich konstatiere hier aberausdrücklich, daß ich unter den sogenannten Ausländern eine ganze Reihe tüchtiger und gebildeter Kollegen kennen gelernt habe und daß, wenn ich von deutschen Kantoren spreche, ich solche Kollegen mit einbegriffen wissen möchte, weil sie sich deutsche Sitte und deutsche Bildung angeeignet haben. Andere Gemeinden suchen sich einen Ersatz damit, daß sie ihre Kantorstellen mit Sangeskünstlern besetzen, welche ursprünglich für einen anderen Beruf sich ausgebildet hatten und denen daher liturgische und fachmännische Ausbildung fehlt. Die sogenannten Lehrerkantoren aber haben in den meisten Fällen auf die Ausbildung im Kantorat entweder wenig oder gar keinen Wert gelegt, so daß bei ihnen das Kantorat nur nebenamtlich behandelt wurde, da ja in vielen Fällen der Vorbeterdienst neben dem Lehrberuf nicht besonders honoriert worden ist. Auch die Unsicherheit der Anstellung, ungenügende Besoldung, der Hinweis auf unpassende Nebeneinnahmen, das Fehlen von j?ensions- und Reliktenversorgung im Kantorberuf: alle diese äußeren Umstände haben das geistige Niveau des Kantorberufs heruntergedrückt, resp. das Aufwärtssteigen desselben verhindert. Aber auch innere Ursachen haben dazu beigetragen. Weil das Kantorat der Freibeuterei ausgesetzt ist, da ein Qualifikationsnachweis nicht -verlangt wird, fehlt der inneren Ausgestaltung des Kantorats jede Grundlage, jeder Aufbau, jeder Fortschritt und jeder Aufschwung in wissenschaftlicher und künstlerischer 'Beziehung. Die oben erwähnte Gruppierung der Kantoren, wie sie Fabisch-Göttingen in zutreffender Weise festgestellt hat, läßt erkennen, welche Zerfahrenheit in dem heutigen Kantorberufe herrscht, welche Zersplitterung in der Ausgestaltung des Gottesdienstes dadurch hervorgerufen wird und wie wenig Wert auf eine systematische Schulung auf wissenschaftlicher und künstlerischer Grundlage für die Ausübung des Kantorats gelegt wird. Es braucht wohl kaum darauf hingewiesen zu werden, welch segensreiche Tätigkeit ein Kantor namentlich in kleinen und mittleren Gemeinden, in welchen meistens die Wirksamkeit eines Rabbiners fehlt, entfalten könnte, wenn er in seiner Vorbildung dasjenige Wissen und Können in sich ausgenommen hätte, das ihn dazu befähigte, eine führende Stellung in dem religiösen Leben seiner Gemeinde chnzunehmen. Auf welchem Wege aber kann der Kantor der Zukunft sach- und fachgemäß ausgebildet werden? Den Kantor der Zukunft denke ich mir im engsten Zusammenschluß mit dem Religionslehrer. Dadurch dürfte auch der heiße Kampf, den der israelitische Volksschullehrer um seine Existenz führt, seine einfache Lösung finden. Ich halte es für aussichtslos unter den obwaltenden Verhältnissen und Umständen, daß die jüdische Volksschule in Deutschland in einem Umfange dauernd erhalten oder gar erweitert werden könnte, so daß dadurch dem jüdischen Volksschullehrerstande ein neues Aufblühen und eine aussichtsvolle Zukunft gesichert werden könnte. Die tatsächlichen ^Verhältnisse, wie sie sich durch verschiedene Umstände im jüdischen Gemeindeleben herausgebildet haben, ver-