Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 135 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Erwiderung von Ar. GolLmann 135 und 'Lebenslagen von tadelloser Ehrbarkeit lind Sittenstrenge sei? Da, rvenn er sein Vergehen bereut, wenn er auf den rechten weg zurückkehrt, dann wurden wir unbarmherzige Paragraphenmenschen und gefühllose Steine sein, wenn wir ihm nicht verziehen und ihn brüderlich und liebevoll wieder aufnähmen. Aber tut denn der Täufling solches? Er denkt garnicht -daran, seine unzweifelhaft unehrenhafte Handlung zu bereuen und darum, weil er in seinem Unrecht beharrt, darum können wir ihm nicht trauen, wenn ich weiß, daß ein Mensch in Bezug auf das heiligste, die pietät, die Religion, unmoralisch verfährt, und sich womöglich noch etwas darauf einbildet, so habe ich nicht den geringsten Grund anzunehmen, daß -er nicht auch sonst gesinnungslos handeln wird, wenn er nur einen Vorteil davon hat. Uebrigens irrt sich der Herr Verfasser, wenn er glaubt, daß es viele Taufjuden gibt, die sich bei den Thristen besonderer Achtung -erfreuen. Dem wirklichen Thristen ist er verächtlich oder lächerlich. Was die Boykotts rage anbelangt, so irrt sich der Herr Verfasser gleichfalls sehr gründlich, wenn er meint, daß wir den Boykott empfehlen, weil er dem Taufjude n s ch a d e t. Das wissen wir ganz allein, daß sich der Benegat aus unserem Boykott nichts macht. Es handelt sich aber um Höheresund Größeres, nämlich um uns und unsere Rinderl Sie müssen wir vor dem Umgänge bewahren. Denn wohin sollte es führen, wenn wir junge Menschen und Rinder dem religionsfeindlichen und unsittlichen Einfluß der Täuflinge, also dem krassesten Materialismus ausliefern! Daß wir geschäftlich mit ihnen zusammenkominen müssen, ist ebenso selbstverständlich, wie bei den Antisemiten, bei denen wir ebenfalls Berührungen im Geschäftsleben und im amtlichen verkehr nicht vermeiden können. 'Sch kann aber dem Herrn Verfasser verraten, daß es eine immer stärker werdende Schar von hochangesehenen Juden ist, die kurzerhand ihr Haus dem Täufling verschließen und sich durchaus zu dem Grundsätze bekennen, daß man ohne jede Taktlosigkeit und ohne unnötige Schärfe, aber dennoch energisch jede freundschaftliche und gesellschaftliche Annäherung des Täuflings verhüten müsse. Am allermeisten aber hat es mich in Erstaunen gesetzt, daß der Herr Verfasser sich über die Aufnahme meiner Artikelserie in eine liberal-religiöse Zeitschrift wundert. Man kennt die Phrase zur Genüge, welche nicht nur von den Täuflingen, sondern auch von unseren orthodoxen und zionistischen Gegnern so oft ausgesprochen wird, daß liberales Judentum und liberales Thristentum einander nahe stehen, und das ist auch die Ausrede, mit der leider eine nur allzugroße Anzahl von Taufjuden ihren Uebertritt entschuldigt. Ze weniger wir uns in äußeren Zeremonien von der uns umgebenden Rulturwelt unterscheiden, desto klarer und schärfer müssen wir die charakteristischen religiösen Ideen des Judentums und die Unterschiede zwischen ihm und dem Thristentum ausprägen und betonen, desto energischer müssen wir allen solchen Unklarheiten und verschleierungsversuchen entgegentreten. Darum hat das liberal-religiöse Judentum den stärksten Grund, sich gegen das Taufjudentum zu wenden. Der Herr Verfasser bemängelt meine Leidenschaftlichkeit. Hätte er sich so in die Materie versenkt wie ich, hätte er mein reiches Material vor Augen gehabt, dann würde auch - er nicht so kühl und objektiv über all das Unglück zur Tagesordnung übergehen, das wir dem Taufjuden verdanken. Im Uebrigen weiß ich aber schon von meiner Studienzeit her, daß man ein weit leichteres Leben führt, wenn man die Wahrheiten, die man erkennt, hübsch für sich be-