Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 134 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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134 Erwiderung von Ar. Gsldmann o o o o faßt. Der Kampf gegen den Abfall lag ihnen ganz gewiß auch am Kerzen, aber sie faßten ihn anders auf, denn sie wußten, daß nichts die allmähliche Abbröckelung des Judentums aufhalten kann, wenn nicht das Judentum selbst in seinem Kern und innersten Wesen neubelebt und mit dem Geist unseres fortgeschrittenen Zeitalters erfüllt wird. .Hier gilt es einzusetzen, um das Judentum in Lehre und Leben so auszugestalten, daß sich jeder Mensch von modernem Empfinden darin heimisch fühlen kann. Auf solche weise möge der Kampf gegen das Taufjudentum in diesen Blättern geführt werden — und nur so. * * Erwiderung. „Der Sieg bei diesem notwendigen Vorgehen (gegen die Taufjuden) wäre nicht so schwer zu erringen, wenn wir nicht die betrübende Feststellung machen müßten, daß der einzige erhebliche widerstand uns in unseren eigenen Reihen erwächst." Gerade las ich diesen Satz in einem von mir verfaßten Artikel, der im Zunihefte der K. T.-Blätter erschien, als ich zur Bestätigung den vorliegenden Aufsatz zugesandt erhielt. Ich muß gestehen, daß ich aus den verschiedensten Gründen nicht recht verstehen kann, was der Herr Verfasser eigentlich von mir will. Gr verurteilt meine Leidenschaftlichkeit, weil die Verhältnisse in Wahrheit nicht so schlimm seien, wie kommt er nur auf diese seltsame Idee? Zch betreibe seit Jahren über diesen Gegenstand wissenschaftliche Studien, kenne die Materie genau und kann erklären, daß der Verfasser nicht einmal für Deutschland recht hat, und daß jeder Optimismus unangebracht ist. Deutschland ist zudem noch nicht die jüdische Welt, und die Stärke, die besonders in Rußland die Abfallseuche erreicht hat, würde noch eine ganz andere Leidenschaftlichkeit rechtfertigen. Sodann lege ich ernstlich dagegen Verwahrung ein, wenn mir unterstellt wird, daß ich in der Art der Judenfeinde Linzelfälle verallgemeinere. Auf Grund der selbstverständlichen Voraussetzung, die allseitig, auch vom Verfasser, anerkannt wird, daßderUebertrittaus anderen Gründen als denen der reinenHerzensüberzeugung etwas Unehrenhaftes ist, habe ich die Richtigkeit eines theorethischen Satzes durch praktische Beispiele belegen wollen. Der Satz lautet dahin, daß Taufjuden auf der Grundlage ihres Moraldefekts durch den Trieb der Selbsterhaltung mit fast zwingender Notwendigkeit Antisemiten werden müssen. Zch glaube, daß es mir gelungen ist> diese Theorie durch eine Fülle von Erfahrungstatsachen zu bestätigen, und das dürfte etwas wesentlich anderes sein, als was der Herr Verfasser mir vorwirft. Nun aber zur Hauptsache! Mein strenger Kritiker ist mit mir in der Grundlage völlig einig, aber er wirft mir vor, daß ich nicht an die Seelenkämpfe denke, die vielleicht der Taufe vorangegangen sind, daß ich die Versuchung, die eigene Lebenslage und die der Kinder zu ändern, nicht als Milderungsgrund ansehe und nicht anerkenne,' daß solche Täuflinge von tadelloser Ehrbarkeit und Sittenstrenge sein können! Lin einfacher vergleich mag das völlig Unhaltbare dieser künstlichen Konstruktionen enthüllen. Diebstahl ist zweifellos ein sittliches vergehen, und trotzdem kann ich mir Fälle vorstellen, in denen der Dieb aus bitterster Not' rc., also aus verzeihlichen Motiven gehandelt hat. Wird aber dadurch der Diebstahl entschuldigt oder gar seines unmoralischen Tharakters entkleidet, daß er im Einzelfalle verständlich ist, und wird bei aller Milde der Herr Verfasser annehmen, daß ein solcher Dieb in anderen Beziehungen