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Liberales Judentum · 1914-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1914) · p. Seite 133

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1914)
Date
1914-06-01
Page
Seite 133 (sequence 17)
Language
German
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o o o o Ar. Katzenstrin: Taufjudentum und Antisemitismus 133 wesentliches erreicht werden kann? Mögen immerhin einzelne Schwankende sich zurückhalten lassen, die meisten werden nach dem Aufgehen in der großen christlichen Mehrheit sich wenig aus den Anfeindungen von jüdischer Seite machen, viel bedenklicher ist über noch der Eindruck, den das von mir gerügte Gebühren in christlichen Kreisen machen muß; und zwar auch in solchen, die einer ohne schwerwiegende Gründen erfolgten Taufe sehr abgeneigt gegenüberstehen. Ich bin überzeugt, daß sich die guten Elemente abgestoßen fühlen, wenn der Kampf allzu gehässige Formen annimmt. WirbedürfenaberimKampfgegen das Taufjudentum der Sympathien unserer christlichen M i t b ü r - ger in weite st em Maße, ja ich bin geneigt, neben einer gründlichen Erziehung und Belehrung der eigenen Gemeinschaft die Politik der moralischen Eroberungen für die einzige zu halten, die auf die Dauer einen durchgreifenden Erfolg verspricht. Es muß dahin kommen, daß ein Jude durch die Taufe niemals gewinnen, wohl aber verlieren kann — für die Erreichung dieses Zieles tragen wir alle die Verantwortung, und wir sind noch ein gutes Stück davon entfernt. Ein allgemeiner Boykott, wie er von manchem jüdischen Heißsporn empfohlen wird, ließe sich aber auch gar nicht durchführen. Jeder von uns .kommt im beruflichen, politischen oder gesellschaftlichen Leben manchmal auch mit getauften Juden in Berührung, und wenn die Lsitze der Volksversammlungen verrauscht ist, werden selbst die fanatischsten Redner nicht daran denken, dem Getauften, der ihnen am Stammtisch, im Anwaltszimmer, in der Abendgesellschaft oder in der Fraktionssitzung entgegentritt, verachtungsvoll den Rücken zu kehren. Täten sie es, so würden sie wohl kaum dabei am besten abschneiden. Die Praxis sieht eben meist anders aus als die Theorie. Alle diese Bedenken und Erwägungen würden mich vielleicht nicht veranlaßt haben, der überwiegenden, jüdischen öffentlichen Meinung zuwider, meinen Standpunkt hier zu vertreten, wenn der Aufsatz des Lierrn Dr. Goldmann nicht in dieser Zeitschrift erschienen wäre, die sich Monatsschrift für die religiösen Interessen des Judentums nennt und zur Vertretung des liberalen Gedankens bestimmt ist. Die Goldmannh'che Geschichtsbetrachtung hätte in jeder religiäsneutralen jüdischen Zeitung, auch in jedem orthodoxen Grgan s)latz finden können, und ich frage mich vergebens, was gerade unserer Zeitschrift die besondere Eignung zur Aufnahme dieses Kampfrufes — er sei nun berechtigt oder nicht — gegeben hat. Ihr Gebiet ist das Reich der religiösen Ideen, ihre Aufgabe und Bestimmung ist es hier, dem Streben nach religiöser Vertiefung und Befreiung aus dem Joch veralteter Vorschriften und Anschauungen zu dienen. Lsier will sich der Geist einmal höher schwingen, hinaus über das Kampfgeschrei und Getümmel des Alltags, in dem die neutralen verbände befangen bleiben. Hier.heißt es auch in religiöser Hinsicht Farbe zu bekennen, im strengen Gegensatz zu der grundsätzlichen Neutralität der Abwehrverbände. Es scheint da also eine Grenzverwirrung vorzuliegen, gegen die nicht entschieden genug protestiert werden kann, damit nicht der lebendige religiöse Reformgedanke mehr noch als bisher erdrückt wird durch religiösen Indifferentismus oder bewußte Neutralität in einer der wichtigsten Kulturfragen. In dem Programm der liberalen Vereinigung steht vom Kampf gegen den Antisemitismus kein lvort. Ihre Begründer waren durchdrungen und geleitet vom Geiste echter Religiösität, die nicht Haß gebietet, sondern Liebe, und zwar eine Liebe, die auch noch den Schwankenden und Irrenden um-

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