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Liberales Judentum · 1914-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1914) · p. Seite 132

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1914)
Date
1914-06-01
Page
Seite 132 (sequence 16)
Language
German
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132 O O o o Ar. Katzenstein: Taufjudentum und Antisemitismus dies doch noch nicht dazu, alle Taufjuden ohne Ausnahme als Lumpen an den Pranger zu stellen. Niemand kann die Seelenkämpfe kennen, die vielleicht in manchen Fällen der Taufe vorangegangen sind, und gewiß ist es nicht immer nur gesinnungslose Streberei und die Sucht nach materiellen Vorteilen, was zum Uebertritt Veranlassung gibt. Aber selbst angenommen, daß jeder Uebertritt einen Mangel im Tharakter voraussetzt und erkennen läßt, so berechtigt dies doch nicht dazu, den ganzen Menschen im Bausch und Bogen als moralisch minderwertig hinzustellen. Ts gibt der menschlichen Schwächen so viele — und niemand kann von sich sagen, daß er frei davon wäre! Wer der Versuchung, seine Lebenslage oder die seiner Rinder durch die Taufe zu verbessern, nicht widerstehen kann, handelt gewiß verwerflich, aber das schließt doch nicht aus, daß derselbe Mensch in allen anderen Beziehungen und Lebenslagen von tadelloser Ehrbarkeit und Sittenstrenge sein kann. Ts wird wohl jeder von uns irt seiner Bekannt- , schaft getaufte Juden haben, deren Lebensführung in jeder Einsicht unantastbar ist, und die auch bei den andersgläubigen Mitbürgern sich aller Achtung erfreuen. Sind denn die „selbstbewußten Juden", die in jedem Abtrünnigen einen Verbrecher sehen, deshalb alle tadellose Ehrenmänner? Wohin soll es führen, wenn jeder armselige jüdische Schächer, der vielleicht schon etliche Male das Strafgesetz mit dem Aermel gestreift hat, sich jedem Uebergetretenen unendlich über-, legen fühlt, wenn „getauft" oder „nicht getauft" zum Maßstab alles sittlichen Wertes gemacht wird! Wenn man die Reden kennt, die auf den größeren jüdischen Versammlungen gehalten zu werden pflegen, so weiß man, daß wir heutigen Juden diesem Zustande krankhafter Gereiztheit, eitler Selbstgerechtigkeit und gedankenloser Ketzerrichterei leider schon allzusehr verfallen sind. Die Wahrheit muß auch dann geachtet worden, wenn sie uns nicht angenehm klingt, und es ist einfach nicht wahr, daß jeder getaufte Jude ein Gesinnungslump ist. Soll ich Namen nennen? Die Versuchung liegt ja nahe, eine Reihe klangvoller Namen von getauften Juden aus neuerer Zeit anzuführen, deren Trägern niemand persönliche Ehre und vornehme Art absprechen kann. Darunter befinden sich Persönlichkeiten, deren jüdischer Abstammung auch von den Juden, die sich sonst in der Anfeindung der Täuflinge nicht genug "tun können, gelegentlich gern Erwähnung getan wird. Ts hat indessen immer etwas peinliches und führt zu leicht aufs persönliche Gebiet, wenn bei Auseinandersetzungen sachlicher Art einzelne Namen ins Treffen geführt werden, und ich will daher hier davon absehen. bserr Dr. Goldmann schließt seinen Aufsatz mit dem „Weckruf": Kampf dem Taufjudentum! Gut. 'Zeder um die Erhaltung des Judentums besorgte Glaubensgenosse wird es für nötig halten, dem Abfall entgegenzuwirken. Aber es erhebt sich die Frage: Wodurch? und da ist nun leider festzustellen, daß Goldmann in seiner ganzen langen Arbeit uns darüber, wie er sich die Bekämpfung denkt, völlig im Unklaren läßt. Allerdings sagt er selbst, diese Erörterung gehöre nicht in den Rahmen seiner Ausführungen. Zch glaube Jedoch, ihm nicht zu nahe zu treten, wenn ich behaupte, daß seine leidenschaftlichen Argumentationen gegen das Taufjudentum für ihn schon das Wesentlichste des ganzen Kampfes darstellen. Diese Annahme findet ihre Begründung durch die Art, wie der Taufjude von den jüdischen Kampf- und Abwehrverbänden und ihren Wortführern ganz allgemein behandelt wird. Also Ehrverletzung, Aechtung, Boykott. Zst aber wirklich jemand so kurzsichtig, anzunehmen, daß durch solche Mittel etwas

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