Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 131 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Katzenstern: TaufZndrntrnn und Antisemitismus 131 Taufjudenfum und Antisemitismus. Von Dr. Katjenftein-Bielefeld. s wird keinen anständigen Juden geben, der das Taufjudentum nicht für eine der bedenklichsten Erscheinungen in unserer vielgeprüften Gemeinschaft ansieht. Nicht nur deswegen, weil jeder Verlust eine schwache Minderheit naturgemäß doppelt trifft, sondern auch wegen der Gesinnungslosigkeit, die sich in manchem Uebertritt offenbart, und weil jeder Uebertritt, der des persönlichen Vorteils wegen geschieht, eine Konzession an Unrecht und Intoleranz darstellt. Darüber, daß wir Juden mit allen unseren Kräften bemüht sein müssen, den Abfall einzudämmen, ist hier kein Wort weiter zu verlieren. Aber wer das Ziel will, braucht noch nicht alle Mittel gutzuheißen; und da muß ich sagen, daß die Art, wie heutzutage der Kampf gegen das Taufjudentum vielfach geführt wird, geeignet ist, bei manchem, der um das Wohl und Ansehen des Judentums besorgt ist, lebhafte Besorgnisse hervorzurufen. Zu dieser gänzlich verfehlten Art rechne ich auch den unter der obigen Ueberschrift in diesen Blättern erschienenen Aufsatz des Herrn Rabbiners Dr. Goldmann in Dppeln. Der Entschluß, mich gegen diesen Artikel zu wenden, ist mir nicht leicht geworden, denn man rührt nicht gern an offene Wunden, und ich muß bei der mir bekannten Stimmung in weiten jüdischen Kreisen auf schlimme Vorwürfe gefaßt sein. Doch gleichviel, auch mich treibt das Gefühl der Pflicht, dem Wohl unserer Gemeinschaft zu dienen, und so mögen auch die nachstehenden Ausführungen verstanden werden. Der Aufsatz des Herrn Dr. Goldmann atmet eine Leidenschaftlichkeit, die der wirklichen Lage der Dinge doch wohl nicht ganz angexaßt ist. So könnte man allenfalls reden, wenn der Abfall tatsächlich schon den Bestand des Judentums ernstlich bedrohte. Aber so stehen die Dinge doch nun glücklicher weise noch lange nicht. Die Statistik lehrt vielmehr, daß die Zahl der Taufen in den letzten Jahren gegenüber der Zeit von etwa 1888 bis 190H sogar; u r ü ck gegangen ist. Und es hat schon weit früher Zeiten gegeben, wo die Taufbewegung dem Judentum viel schwerere Wunden geschlagen hat, als heutzutage. Besonders schlimm war die Zeit von 1812 bis 18H0, in der 1200 Personen in Kreutzen dem Judentum durch die Taufe verloren gingen. Man braucht also die Ruhe noch nicht zu verlieren und kann in der Wahl der Waffen vorsichtig bleiben. Es ist nicht recht, aus einer willkürlich herausgerissenen Reihe von Einzelfällen, in denen Täuflinge ihre frühere Gemeinschaft mit Schmutz beworfen haben, einen allgemeinen Schluß, auf Wesen und Lharakter des Taufjudentums überhaupt zu ziehen, wenn wir — und mit uns alle Freunde der Wahrheit und Ehrlichkeit — es mit Recht zurückweisen, daß die Verfehlungen einzelner Juden der Gesamtheit zur Last gelegt werden, so dürfen wir auch nicht nach einer Anzahl verworfener Leute den Tharakter der Taufjuden ganz allgemein beurteilen. Aber abgesehen von dieser nicht zu billigenden Methode erscheint mir auch die Art, in der von Herrn Dr. Goldmann und auch sonst in weiten jüdischen Kreisen Heutzutage die Taufjuden behandelt zu werden pflegen, ganz verfehlt. Diese der Volksversammlungsatmosphäre entstammenden Angriffe dienen weder der Wahrheit noch sind sie geeignet, das Ansehen des Judentums zu heben. Mögen immerhin für den Abfall vom Judentum in der Mehrzahl der Fälle unedle Motive maßgebend sein, so berechtigt