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Liberales Judentum · 1914-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1914) · p. Seite 130

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1914)
Date
1914-06-01
Page
Seite 130 (sequence 14)
Language
German
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130 M. S. Elsaß-. Gibt rs eine jüdische Religion oder mehrere? die Lehre Mose verhöhnt. Moses Zsferles fügt in seiner Glosse noch hinzu, daß er mit Niddui und Therem zu strafen sei, von den anderen Paragraphen des Schulchan Aruch zu schweigen, von denen sicherlich auch die Orthodoxen, die der strengsten Observanz huldigen, zumindest hier in Deutschland, nicht die geringste Notiz nehmen. Menn aber die Orthodoxen sich auf die tiefgehenden „dogmatischen" Unterschiede berufen, dann müßte zunächst die „Dogmen f r a g e" im Judentum ihre volle Aufklärung und Abgrenzung ' erfahren, und dann müßten die Orthodoxen bestimmt aussprechen und erklären, welche Auffassung und welche Anschauung von Gottes wesen und walten, von der Offenbarung, vom Jenseits, von .Engeln usw., — da die religiösen Denker der verschiedenen Zeiten hierüber mannigfache und weit auseinandergehende Ansichten äußerten, — denn für die Orthodoxie bindend seien? Für die Meisten, die voll Emphase sich kritiklos zu bestimmten Religionsprinzipien bekennen und „die Göttlichkeit der Thora" betonen, dürfte wohl das Wort Maimunis zutreffen: „Ls gibt viele Naive, die Worte aussprechen, ohne irgend etwas dabei sich zu denken, ohne klare Begriffe damit zu verknüpfen." (Moreh I 50.) Daß der Konservativismus heute so von oben herab spricht und sprechen kann, das hat nach K.'s Ueberzeugung der Umstand verschuldet, daß die heutige Orthodoxie bar jeglicher Philosophie sei, und daß. auch die Neologie sich bisher nicht dazu aufgerafft hat, die religiösen Prinzipien und Gedanken des Judentums zu einem theologischen System auszubauen und philosophisch zu begründen. Daher sind die Gegensätze zwischen Orthodoxen und Neologen so nebelhaft und verschwommen, daß in der Wirklichkeit bis auf kleinliche Äußerlichkeiten, bis auf eine mehr oder minder strenge Befolgung der religiösen Gebräuche kaum ein Unterschied festgestellt werden kann. Dennoch bezeichnet die ungarische Orthodoxie die Neologen in Ungarn als zu einer „andern Konfession" angehörig, als „Nichtjuden"; wie ja auch hierzulande Herr Dr. Wohlgemuth und feine orthodoxe Gefolgschaft den Liberalismus zu einer „andere Konfession" stempeln will. Das Lrgebnis seiner Betrachtungen faßt K. dahin zusammen: „wer von zwei Konfessionen spricht, dev folgt Motiven, die ihn mit demselben Recht von hundert, ja hunderttausend Bekenntnissen sprechen lassen könnte. . . Denn woher den Maßstab nehmen? Wo ist denn die Grenze? Der eine wird in seinem Empfinden und Denken weit ab von dem andern stehen, doch zwischen den zwei extremsten Typen besteht keine Unterbrechung, denn nach oben und nach unten sind sie in lebendiger Verbindung, essind eben lebende Menschen, es sind Juden." — „Einheitlich ist die Zudenheit. Gewiß ist in ihr eine Mannigfaltigkeit. Gott sei Dank, daß dem so ist. . . Denn ohne Differenzierung ist das Leben nicht zu denken. So wie der Konservativismus eine sittliche- Berechtigung hat, eine solche sittliche Notwendigkeit ist der Modernismus der Juden." .. . „Sollte aber die Orthodoxie wirklich dev Meinung.sein, daß nur die Form des Judentums, die sie vertritt, allein berechtigt sei, sich Judentum zu nennen, nun dann, war nicht bloß Maimuni kein Jude, auch König David und Jesaja waren keine Juden, — und bei Gott — dann war auch Mosche Rabbenu kein Jude," so schließt K. seine temperamentvollen, von innigster Liebe zum Judentum getragenen' Ausführungen, die in erster Reihe an die ungarische Orthodoxie sich richten, doch auch den vorkämxfen der deutschen Orthodoxie zu denken geben können. Ls ist zu hoffen, daß das Buch K.'s in nächster Zeit auch in deutscher Sprache erscheinen wird.

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