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Liberales Judentum · 1914-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1914) · p. Seite 124

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1914)
Date
1914-06-01
Page
Seite 124 (sequence 8)
Language
German
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124 Ar. S. Elsaß: Gibt es eine jüdische Religion oder mehrere? pfymtafte, auf Philosophie und Mystik zurückzuführen. Der mystische fjang, — führt der Verfasser geistreich aus, — habe stets unter der Schwelle des Bewußtseins geruht. Gleich dem Traumleben wird er rege und tritt die Herrschaft über die Gemüter an, wenn der Geist erschlafft, wenn Kritik und Philosophie unterdrückt werden.. In poetischen Seelen erzeugt die Mystik tiefsinnige Schöpfungen, doch zumeist veranlaßte sie bizarre, wunderliche und kindische Spekulationen. Eine solche geistige Erschöpfung und Erschlaffung war nach dem Abschluß des Talmuds eingetreten. Dadurch ward der Mystik Tür und Tor geöffnet. Die Arbeit der talmudischen Hochschule im 6. und 7. Jahrhundert hatte sich nur darauf beschrankt,, das Geistesgut der vergangenen Zeiten in die Scheuer zu bringen. Die . schöpferische Tätigkeit war erlahmt. Man beschäftigte sich mit der peinlich genauen Feststellung des Buchstabentextes, man setzte die vokalisation fest, und diese trockene Arbeit der Massoreten findet seine Ergänzung in öden neupythagoräischen Zahlensxielereien, in denen sich die Philosophie des „Iezirabuches" verliert. In dieser Dürre bietet dem volksgemüte nur noch die Aggada Labung. Der mystische Hang bricht sich Bahn. Zu welch Ungeheuerlichkeiten die Mystik sich verleiten läßt, beweisen die rohen Anthropomorphismen des „Schiur Komah", in welchem Gottes Gliedmaßen gemessen werden, welchen Einfluß der Mystizismus um die Zeit vom 7. bis O. Jahrhundert ausübte, zeigt, daß noch Gaon Scherira diese Berechnungen des Schiur Komah als heilige Mysterien in Schutz nimmt. Gegenströmungen machen sich in der karaitischen Bewegung, in der Abwendung vom Talmud geltend, ja ein Lhiwi al-Balkhi wagt schon im 9- Jahrhundert an der Bibel kühne Kritik zu üben. Alle diese Strömungen standen unter dem Einfluß und in Wechselwirkung der gleich-- zeitigen theologischen Spekulationen der verschiedenen mohammedanischen Schulen. Saadja wird der Retter des Talmudismus, in dem er mit den Waffen der Wissenschaft seiner Zeit dem Karäertum entgegentritt, und die Legenden des Talmuds, über die die Karäer sich lustig machten, ihrer wörtlichen Bedeutung entkleidet. Saadja verwirft den Aberglauben und sucht die wnndererzählungen rationalistisch zu erklären. Er übersetzt Bibel und Mischna in die Sprache des Volkes, in dessen Mitte er lebte, ins Arabische. 850 Jahre später jedoch verfehmt die Orthodoxie die deutsche Bibelübersetzung eines Mendelssohn. Wie die Geister jener Epoche sich von einander scheiden, wird vom Verfasser in wenigen Strichen festgehalten: „Gaon Hai ist reiner Talmudist, ihm gegenüber steht die Mystik des „Schiur Komah", Talmudist und Philosoph ist Saadja, während Scherira Talmudist und gleichzeitig Mystiker ist. Bei dreien ist die Rede von Gott, der Tausende und Tausende von parasangen mißt, der eine möchte die Elle anlegen, der zweite meint ärgerlich, es sei dies Blödsinn, der dritte spricht träumerisch, welch ein Mysterium .... und der Talmudismus ruft keinem etwa zu: du bist kein Jude. — Auch heutzutage dürfte es manchen Juden geben, der zur Elle greifen möchte, in jenen Zeiten aber sprach Samuel ben Thofni, das Haupt der suranischen Hochschule das Wort: „was dem gesunden Menschenverstände widerspricht, das kann nicht anerkannt werden." In Spaniens gesegneten Fluren unter der Herrschaft der Mauren, ward die Individualität auch in der Religion frei. In prägnanten Zügen charakterisiert Verfasser die religiöse Eigenart eines Salomo Gabirol, Bachja, Juda Halevy, des Josef ibn Zaddik, des Abraham ibn Daud (Verfasser des Emunah - haramah), eines Abraham ibn

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