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Liberales Judentum · 1914-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1914) · p. Seite 123

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1914)
Date
1914-06-01
Page
Seite 123 (sequence 7)
Language
German
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Dr. K. Elsaß : Gibt rs rinr jüdische Religion oder mehrere? I2S täten, den nunmehr sel. prof. Dr. Bacher, prof. Dr. Blau und Dr. Mezey betraut wissen wollen. Auf dringendes Ersuchen der Ung. Jüd. Landeskanzlei hat er dann selbst die Ausführung mit dem Vorbehalt übernommen, daß er unbeeinflußt und unabhängig seiner eigenen Ueberzeugung Ausdruck geben werde, wie er in der Vorrede bemerkt, habe er jedoch bei Abfassung der Schrift von der geplanten Ministeraufklärung abgesehen und will mit seiner Arbeit nur einen möglichst objektiven religionsgeschichtlichen Wegweiser für alle Besonnenen und Gebildeten inmitten der religiösen Kämpfe der Gegenwart bieten. Die Schrift ist zu einem stattlichen Buche von 2^2 Druckseiten geworden, die K. in wenigen Wochen zu papier brachte, um das, was seit Jahren in seiner Seele lebte, in farbenprächtigen, lebensprühenden, scharfumrissenen Skizzen festzuhalten. Das Buch wird sicherlich, wenn es auch aus Anlaß der-Tageskämpfe geschrieben worden, kraft seines Gehaltes einen dauernden platz in der jüdisch-religionsgeschichtlichen Literatur behaupten. Denn der Verfasser hat mit tiefeindringendem Verständnis aus den geschichtlichen Zusammenhängen die geistigen Strömungen und die innere Entwicklung klargelegt und hat den Einfluß nachgewiesen, welchen die jeweiligen äußeren Kulturzustände, die geistige und religiöse Atmosphäre des Landes und der Umgebung unwillkürlich - auf die Juden ausübten. Durch kurze, prägnante, den Huellenwerken entnommene Zitate versteht es der Verfasser wie mit einem Scheinwerfer die charakteristischen Züge der geistig bedeutenden Persönlichkeiten, und die leitenden Ideen und Gedanken zu beleuchten und diese aus dem Dunkel der Zeiten scharf und deutlich hervortreten zu lassen. Frisch und temperamentvoll geschrieben, ist das Buch vom warmen pulsschlag des Lebens durchweht, und wie in jener Vision des Ezechiel: sind „die zerstreuten Glieder auf dem weiten Gefilde der jüdischen Geschichte aneinandergerückt, und vom Geisteshauch berührt, die toten Gebeine lebendig geworden." Eine Analyse und Inhaltsangabe der Schrift möge uns die Fülle und Wucht der Tatsachen vor Augen führen, mit denen K. den leitenden Gedanken seines Buches stützt, daß wenn auch innerhalb der Iudenheit die religiösen Anschauungen und die Lebensauffassung oft weit auseinandergingen, das Judentum doch, einheitlich blieb, und wie das Gesetz des Lebens und der Entwicklung es unmöglich mache, daß das Judentum in seiner einmaligen zeitlichen Ausgestaltung unveränderlich verharre, wie die orthodoxe Theorie es fordert. Zunächst untersucht er die beiden Begriffe Neologie und Orthodoxie und findet, daß die Bezeichnungen ungenau und der Wirklichkeit nicht adäquat seien. Genauer und entsprechender seien die religiösen Gegensätze mit Modernismus und Konservativismus zu umschreiben. Den Modernismus oder die Neologie kennzeichnet das Erfassen und das Verständnis der sich immer erneuernden geschichtlichen Notwendigkeiten, das bewußte Sicheinfügen in die herrschende Kultur, während der Konservativismus im strengen Beharren des Gewordenen die Entwicklung negiert und bei geschichtlichen Notwendigkeiten sich ablehnend verhält, — jedoch wider Willen und unbewußt den Mächten, die im Leben und in der Geschichte walten, folgt und sich anpaßt. Die mannigfaltigen Wandlungen des jüdischen Geisteslebens seien aber nicht bloß aus den geschichtlichen Verhältnissen und den Einwirkungen der fremden Kulturen zu erklären, sondern sind auch auf grundlegende Elemente der jüdischen volksps^che, auf Kritik und Träumerei, auf verstand und

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