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Liberales Judentum · 1914-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1914) · p. Seite 120

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1914)
Date
1914-06-01
Page
Seite 120 (sequence 4)
Language
German
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120 0*0. 0-0 * Nr. Freudenthal: Moderne Nefierrsnen Lebensanschauungen ausgingen wie die jetzigen Bewohner unseres Planeten. Der Vorfahren genius loci bildete Jerusalem; daher mangelte ihnen jegliches politische und wirtschaftliche Verständnis für andere Länder, daher kein künstlerisches und abgesehen von der Medizin und Theosophie, kein echtes wissenschaftliches internationales vorwärtsschreiten, daher die Weltfremdheit und das Erstarren in egoistischer Abschließung und aussichtslosen Phantastereien. Jeder Atemzug galt der Synagoge und ihren Vorschriften, überall klerikale Rassentaktik, die wirklich nicht von dieser Welt war. Wir deutsche Juden der Gegenwart haben aber aus der Geschichte gelernt und würden es geradezu als ein schweres Unglück ansehen, wenn wir mit den unendlich bedauernswerten, aber innerlich uns fremden auf anderer Kulturstufe stehenden östlichen Glaubensgenossen in eine nationale Zusammengehörigkeit gerieten. Wir achten nicht jener konfusen Schreier, die mitleidenschaftlichen Reden der urteilslosen Menge die Ueberzeugung beibringen inöchten, adle Menschen hebräischer Abkunft seien eine nationale Einheit, gleichviel, ob sie j)aris oder Bojanowo, Berlin oder j)rzemysl ihre tjeimat nennen. Wir danken bestens für derartige Vermischung, die uns um jOO Kulturstufen zurück'werfen würde, so sehr wir auch das Unglück der schuldlos verfolgten beklagen rznd nach Kräften ihnen zu helfen suchen. Dabei ist uns nicht unbekannt, welche besondere Begabung in vielen polnischen und russischen Juden steckt und wieviel aufsehenerregende Talente auf allen Gebieten grade aus den kleinsten und ärmsten israelitischen Familien jenseits der Weichsel hervorgegangen sind. Line schnelle Emanzipation und Umwandlung auf deutschem Boden und mit deutscher vilfe hat dann reine Wunder bewirkt, und wir kennen Dutzende von Männern, die ursprünglich zum Rabbi eines völlig unbekannten Marktfleckens bestimmt, sich durch eigene Kraft und Begabung zu bahnbrechenden Professoren und Geheimräten emporgearbeitet haben. Dies könnte aber noch viel häufiger eintreten, wenn nicht eine enorme Menge Intelligenz in fruchtlosen religiösen Kämpfen, Broschüren, Debatten, Anrempelungen, Redeschlachten und Schriftwechseln verpufft würde. Was da an kostbarer Zeit, an Scharfsinn und Arbeitskraft direkt zum Fenster hinausgeworfen wird, spottet jeder Beschreibung. Etwas mehr Gelassenheit, Gleichmut und Zurückhaltung, etwas weniger Nervosität, Erregtheit und Argwohn; gewiß, wir würden uns alle dabei besser stehen. Möge drüben in halbasiatischen Ländern bald das Morgenrot westeuropäischer Kultur unter unseren Glaubensgenossen tagen! Dieses Ziel herbeizuführen, sich der Umklammerung starrer, kulturfeindlicher Orthodoxie zu entwinden, hunderttausende für das wirkliche Leben brachliegender Kräfte mobil zu machen und für die fruchtbare Kulturarbeit moderner Menschheit zu gewinnen, das wäre ein Ziel, würdiger des Strebens unserer Glaubensbrüder, als die Auspeitschung eines verderblichen nationalen Fanatismus. Wie dem aber auch sein mag: Der jüdische Liberalismus in Wort und Tat bleibt das sanier, welchen: die Elite der d e u t - s ch e n Israeliten jederzeit folgen wird, unbeirrt um das Geschrei, welches Reaktionäre und Zionisten erheben, als seien wir auf falschem j)fade und habe durch uns das alte mosaische Bekenntnis den Untergang zu fürchten. Grade das Gegenteil ist der Fall. Lin Glaube ohne Fortschritt und Freiheit versumpft in ausgefahrenen Geleisen. Kritik und Reform, Selbsterkenntnis und Entwickelung sind die Mittel das Judentum von heute lebensfähig, gesund und wehrkräftig zu erhalten.

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