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Liberales Judentum · 1914-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1914) · p. Seite 119

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1914)
Date
1914-06-01
Page
Seite 119 (sequence 3)
Language
German
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o o oo 119 Ar. Freudrnthal: Moderne Resterionen können wir unmöglich unsere Verteidigung einstellen. Ja, wenn es bei der durchaus erforderlichen und lobenswerten Abwehr bliebe! Man lese aber nur einige dieser von Antagonismus und Brandartikeln, von geistlosen Anekdötchen und banalen Schreckgespenstern existierenden Blättern, zu deren Profession es hüben wie drüben gehört, keine Eintracht zwischen den Bewohnern desselben Landes aufkommen zu lassen. Da kann einem bisweilen die Lust vergehen, Jude zu sein, und uns überkommt das gleiche Gefühl, das sicher eine Menge Christen überschleicht, wenn sie die Auswüchse der Rinnsteinphantasie hypergermanischer Schriftsteller zu Gesicht bekommen. Peccatur intra muros et extra! Liegt die Hauptschuld ohne Zweifel auf der anderen Seite, so wird auch bei uns, vielleicht in erklärlicher Notwehr, über die Schnur gehauen und mancher lächerliche Vorgang derart aufgebauscht, daß wirklich ernste Ereignisse darunter zu leiden haben.- Die liberalen Bekenner des Judentums halten es für eine unabweisliche Pflicht, mit den allgemeinen religiösen Anschauungen des christlichen Deutschlands in steter Fühlung zu bleiben und der volkstümlichen modernen Lebensweise, soweit dies mit unseren Grundanschauungen vereinbar, Konzessionen zu machen. Wir wollen die Absonderung nicht geflissentlich mehren und fördern; wir wollen im Gegenteil alles tun, was geeignet ist, Frieden und Einigkeit der Bewohner eines tonangebenden Kulturstaates herbeizuführen. Daher unsere Abneigung gegen längst begrabene und überwundene früheren Jahrhunderten ungehörige und für völlig andere Verhältnisse berechnete rituelle Vorschriften und Zeremonialgesetze, deren strenge Aufrechterhaltung in unserem sozialen Zusammenleben einfach unmöglich ist. Es wäre schlimm um unseren Glauben bestellt, wenn er mit nichtssagenden Äußerlichkeiten, mit historischen velleitäten wie Gebetmänteln, Gebetriemen, Enthaltung jeglicher kleinster Tätigkeit am Sonnabend, stehen und fallen würde, wenn im Zeitalter der Elektrizität und der Hygiene die strenge Speise- und Geschirrordnung, das geradezu unausführbare Schreibeverbot an Feiertagen echte Kennzeichen der jüdischen Religion bildeten. Welcher aufgeklärte, im Leben stehende, von dem Geist des Judentums durchdrungene, gebildete Mann könnte solchem inhaltslosen Formelkram, solchem geschichtlichen Raritätenkram noch ernstlich das Wort reden? Dazu kommt eine geradezu beängstigende Vermehrung jüdischer Vereine und nicht selten zionistisch angehauchter Versammlungen, die immer von neuem dazu beitragen, politische und wirtschaftliche Gegensätze zu fördern und konfessionelle Differenzen aufrecht zu erhalten. Zeder unbeschäftigte Rentner, jeder kampfbereite Rechtsanwalt, jede vorsitzlüsterne Kommerzienrätin, sie alle bemühen sich, einem plötzlichen dringenden Bedürfnis nachgebend, neue israelitische Vereine zu gründen, selbstredend sich an die Spitze zu stellen und an das Herz der Glaubensgenossen zu appellieren, die. dann auch aus irgend welchen Rücksichten der neuen Vereinigung beitreten. Und dann wundern wir uns über rein christliche, sei es katholische, sei es evangelische, Gesellschaften, die so intolerant sind, von dem Genuß ihrer Beiträge und Versammlungen Andersgläubige auszuschließen und die Rassenfrage in den Vordergrund zu stellen! Die toleranten jüdischen Kreise haben aber 'durchaus nicht das Bedürfnis, Tag für Tag an die Sonderstellung Israels erinnert zu werden; sie freuen sich aufrichtig, wenn hochgesinnte und humandenkende Rabbiner für Eintracht und Zusammengehörigkeit auch den Bekennern der Tochterreli-- gion gegenüber nach Kräften eintreten. Man komme uns nicht mit der Tradition und mit den Anschauungen unserer Väter, die von ganz anderen Voraussetzungen und

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