Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 118 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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118 Nr. Frerrdrnthal: Moderne Neflemonrn Mag auch dieser und jener, in stürmischen Zeiten sogar eine größere Anzahl charakterschwacher Personen sich von uns trennen, weil es sich besser und sicherer bei den Mächtigen, als bei den Geduldeten lebt; leicht ist solch ein Schritt nur wenigen geworden und die überwiegende Menge der Getauften hält innerlich doch noch zu dem Glauben, für den ihre Eltern gelitten, gar viele ihrer Voreltern geblutet haben. Der wohltätige Mangel an Ketzergerichten, das Fehlen eines obligatorischen Bekenntniszwangs, die einfache und direkte Anbetung des Schöpfers, der ernste, keine phantastischen und unlogischen Voraussetzungen enthaltende Gottesdienst, die eindrucksvolle Sprache gelehrter und begeisterter Rabbiner, alles dies hat für jedermann so viel Bestechendes, daß in der Regel nur wenig wertvolle Elemente, geblendet von Aeußerlichkeiten, sich dazu entschließen können, ihre religiöse Grundanschauung zum Gxser zu bringen. Auffallenderweise finden gerade in der deutschen Reichshauptstadt verhältnismäßig die meisten Uebertritte statt. Und dabei haben doch die Berliner Juden es am wenigsten nötig, ihrer jahrtausende alten Gemeinschaft untreu zu werden. Denn in der Stadt Friedrichs des Großen kann jeder nach seiner Fasson selig werden, gibt es hier doch kaum eine theistische oder atheistische Richtung, die nicht Anhänger und Verehrung findet. Seinen Verkehr, seiin nähere Umgebung, seine geistigen und sagen wir mal kirchlichen Interessen kann der Bewohner einer Millionenstadt ganz nach seinem Belieben gestalten, oft im Gegensatz zu kleineren Orten, in Lenen Kastengeist, soziale Stellung und Rücksichtnahme die Leute mehr in bestimmte soziale Zirkel und Konventikel bannt und festhält. Ivir glauben uns nicht zu irren, wenn wir behaupten, daß in den Großstädten, besonders aber an der Spree, vielen gebildeten und keiner Parteipeitsche gehorchenden Juden die Synagoge dadurch verleidet wird, daß allzu eifrig und vordringlich von gewerbsmäßigen Agitatoren für die Orthodoxie und gegen ein harmonisches Zusammenleben mit liberal und tolerant gesinnten Familien, gleichviel welcher Abstammung, Propaganda gemacht wird, wir leben doch nun einmal in Deutschland und nicht in Palästina, und legen hohen wert darauf, mit unseren Mitbürgern, soweit sie nicht bornierte und böswillige Antisemiten oder — Antiarier sind, in freundlichen und. verbindlichen Formen zu verkehren. Nur die rückhaltlose Achtung und Wertschätzung, das uneigennützige Eingehen und Kennenlernen gemeinsamer Interessen, vermögen aber unberechtigte wie eingewurzelte Vorurteile zu beseitigen und die Nebel gegenseitigen Mißtrauens zu zerstreuen. Statt dessen werden wir von reaktionärer Seite, insbesondere von polnischen, galizischen und russischen, durch deutsche Duldsamkeit hier aufgenommenen und seßhaft gewordenen Berufshetzern, mit Zuschriften, Broschüren, Aufrufen und sonstigen preßerzeugnissen überschwemmt, deren Inhalt alles andere als Frieden, Milde und Versöhnung atmet. Fast in jedem Elaborat stoßen wir auf mehr oder minder versteckte Hetzereien; nichtssagende, geschmacklose, kaum der Erwähnung werte Vorgänge werden zu bedeutenden judenfeindlichen Vorgängen aufgebauscht, als ob die ganze Christenheit gegen uns losgelassen ist und neue Scheiterhaufen die Kinder Israels zu verschlingen drohen. So liegen doch die Dinge wirklich nicht. Man soll aus Mücken keine Elefanten machen und nicht durch systematische Uebertreibungen die schon vorhandene Nervosität der Leser noch künstlich zu vermehren suchen. Solange die Gegner, höre ich einwerfen, mit ihren zahlreichen antisemitischen Blättern den Haß gegen unsere Brüder schüren.