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Liberales Judentum · 1914-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1914) · p. [Seite]

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1914)
Date
1914-06-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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liberales Judentum monafsfdirift für die religiösen Interessen des Judentums herausgegeben von der Vereinigung für das liberale Judentum in Deuffchland unter der Redaktion van Dr. Caefar Seligmann, Rabbiner in 5rankfurt a. ffl. Ha. 6 und 7. Jahrgang 6. Juni u. Juli 1914. moderne Reflexionen. Von Dr. Selix Sreudenthal-Berlin. aß auf Erden nid)t5 vollkommen ist, wissen wir alle. Auch die Religionen sind von diesem Satze nicht ausgenommen. Mehr oder weniger haben sie gleich den Menschen ihre schwachen und angreifbaren Seiten. Daß dies wirklich der Fall, beweisen am besten ihre eigenen Anhänger, dieso oft in erbitterter Fehde mit einander liegen und an den gegenseitigen Dogmen kein gutes Haar zu lassen pflegen. Die Streitigkeiten zwischen Katholiken und Protestanten bei den Christen, zwischen Sunniten und Schiiten bei den Mohammedanern, zwischen Hinajana und Nagardschuna bei' den Bekennern Buddhas sind uns ja nicht unbekannt, von den zahllosen Sekten nicht zu Sprechen,- deren jede die göttliche Wahrheit-und Offenbarung ausschließlich für sich in Anspruch nimmt. Ganz so schlimm steht es bei uns Juden allerdings nicht. Der so zu sagen abstrakte Monotheismus bietet nur geringe Angriffsflächen und von allen Seiten bedrängten und unterdrückten Glaubensbrüdern vergeht bald die tust, sich auch noch gegenseitig zu zerfleischen. Orthodoxie und Mystik, j)antheismus und Monismus haben wir kommen und gehen sehen, ohne uns darüber allzusehr aufzuregen.: Die Freiheit unserer Zlnschau- ‘ ungen, die einfachen Grundprinzipien der mosaischen Gotteslehre, die Zwanglosigkeit der Gottesverehrung können es ruhig mit allen Spielarten theologischer oder atheistischer Weltanschauung aufnehmen; denn die jüdische Religion bleibt ein roetwr de bronze und wer auf Gxanit beißt, wird stets allein der Geschädigte fein. Die Einigkeit imter den Bekennern des Judentums ist freilich nicht so universell, wie es unsere Feinde als Schreckgespenst hinzustellen lieben. Denn nur ein Blinder kann leugnen, daß zwischen unseren westeuropäischen Glaubensgenossen und den Bewohnern des Ostens ein abgrundtiefer Gegensatz vorhanden ist, über den keine Brücke führt. Dieser Anschauung wegen braucht man uns, speziell d i e Israeliten, denen das Glück zuteil geworden, in Deutschland zu leben, noch lange nicht als Abtrünnige zu brandmarken. wir aufgeklärten deutschen Juden, die wir von Jugend auf mit regem Eifer uns bemüht haben, Kunst und Wissenschaft bei allen Nationen kennen zu.lernen, die wir uns nicht einseitig auf Zion versteifen, werden stets treu zur Fahne des Judentums stehen. Weder Drohungen noch Lockungen, weder Zurücksetzungen noch Verheißungen, dürften im Stande sein, unsere erblich gewordenen Reberzeugungen zu entwurzeln.

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