Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1914-05-01 · Heft 5 (Mai 1914) · p. Seite 115

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 5 (Mai 1914)
Date
1914-05-01
Page
Seite 115 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3126481-3126546-3126552--1755-3128580
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

o o o o Aus der Jugendbewegung 115 lionen Menschen. Selbst wenn ein solcher Staat verwirklicht würde, würde nichts gewonnen sein, als daß ein kleiner Iudenstaat im Grient bedrückt würde. Seine theoretische Grundlage ist die Rassentheorie. Das ganze Rassenproblem ist wissenschaftlich ungeklärt und alle Fragen sind umstritten. Die Geschichte lehrt aber das Gegenteil der Rassentheorie. In Betracht kommen nur geistige und moralische Gleichheit oder Ungleichheit, und nicht körperliche. Als einziges, wirkliches Moment der Trennung zwischen jüdischen Deutschen und anderen Deutschen bleibt die Religion übrig. Die Religion gewinnt gerade in unserer Zeit erneute Bedeutung. Der Materialismus in der Philosophie hat abgewirtschaftet, alle neuen Bestrebungen beruhen durchaus auf religiöser Grundlage. Wer das Judentum erhalten wissen will, muß versuchen, die Wiedererwachung des religiösen Bewußtseins auch für die jüdische Religion nutzbar zu machen. Das ist aber nur möglich, wenn die Ausübung der Religion sich modernem Lmpfinden anpaßt. Die Anpassung alter Ueberlieferungen an den Geist der Neuzeit ist die wichtigste Gegenwartsfrage. In der sich daran anschließenden Diskussion sprach Herr Mols S. I a c o b s o h n als Vertreter der Mrthodoxie. Gr erkennt den hauptsächlichsten Unterschied zwischen Mrthodoxie und Liberalismus darin, daß die Liberalen die jüdische Religion als ein Werk von Menschenhand, die (Orthodoxen in ihr ein göttliches Werk erkennen. Herr H e r tz ist als Monist empört, daß man von Seiten der Mrthodoxie gegenüber heute festgestellten wissenschaftlichen Tatsachen noch voir göttlicher Offenbarung sprechen hörte. Herr Dr. G. B l o e d e vertrat den Zionismus. Gr glaubt, daß Herr Dr. Wertheim dem Zionismus allzu materielle Grundlagen zugesprochen hätte. Der Antisemitismus mag wohl mit ein Anlaß zum Gntstehen des Zionismus gewesen sein. Aber der eigentliche Zionismus sei nicht von außen gekommen, sondern er komme aus der innersten Seele des jüdischen Volkes heraus. Gin äußerer Anlaß hat oft schon latente Kräfte frei gemacht. Im Antisemitismus erblickt er eine notwendige Gegenerscheinnng zum Zionismus, die nicht aufhören wird. Herr Siegfried Urias erblickt das Problem der Gegenwart in der traurigen Tatsache, daß gerade die jüdische Intelligenz von der alten Religion gelassen ^habe und zu den flachsten Surrogaten moderner Theorien Zuflucht nehme. Das sei erklärlich durch die historische Methode der Theologie seit Schleiermacher, welche die Religion jedes göttlichen Nimbus entkleidet und alles als historisch bedingt, oder von anders her übernommen erkannte. Die einzige Anwendung dieser wissenschaftlichen Methode führte zum Monismus, der in totem In-Beziehung- Setzen und Relationen aufzudecken einen Ersatz zur lebendigen Religion suchte. Gr bedenkt nicht, daß es neben dieser Methode noch eine zweite der Werte, Ideen und Ideale gibt, welche besonders in dem Bestehen der Gthik zur Geltung kommt. Diese Gthik rücke gerade in unseren Tagen wieder in den Zentralpunkt aller Philosophie. Diese Gthik erhebt den Menschen über sich hinaus. Aber gerade einer der bedeutendsten Denker, Hermann Tohen, hat erkannt, daß solche abstrakte Ideen und Ideale wohl einzelne große Männer erhalten können, niemals aber eine Gemeinschaft, wir sind historische Menschen und bedürfen darum eines historischen Zusammenhangs. Darum ist es das Streben, diese allgemein erkannten Probleme, Ziele und Aufgaben wieder in historischem Boden zu befestigen. Diese Anknüpfung wird in den historischen Religionen gefunden. Diese Anknüpfung suchen auch wir. wir wollen zur Religion zurück. Das kann nicht mehr im Sinne der Mrthodoxie geschehen, die von religiöser Tradition gleich zur Religion führt. Sondern unser weg führt von unten 'herauf, vom profanen zum heiligen, wer rächt mitschafft, wird diese Arbeit des liberalen Judentums me erfassen. Aber denen, die ernstes Wollen dazu haben, denen reicht die Jugendorganisation die Hand zur Mithilfe. In seinem Schlußwort wies Herr Dr. w e r t h e i m die gegnerischen Angriffe zurück und erntete durch seine klaren und schneidvollen Ausführungen reichen Beifall. — Schluß der Versammlung gegen \2y» Rhr.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.