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Liberales Judentum · 1914-05-01 · Heft 5 (Mai 1914) · p. Seite 116

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 5 (Mai 1914)
Date
1914-05-01
Page
Seite 116 (sequence 24)
Language
German
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116 Rundschau — Königsberg o O: o o Rundfdiau. Königsberg i. Pr. Am Montag, den 9. Februar \9W/ hielt in der hiesigen Ortsgruppe vor einem äußerst zahlreichen Publikum, unter dem auch die Jugend zahlreich vertreten war, Herr Rechtsanwalt Dr. werth e i m aus Berlin einen Vortrag über das Thema: „Moderne Iudenpolitik und jüdische Jugend". Nach einer kurzen, geschichtlichen Einleitung ging der Redner auf die heutigen Verhältnisse im Judentum und damit auf die Frage ein, welche heute im Mittelpunkt der jüdischen Erörterung steht: Zionismus oder nicht? Zionismus, so führt der Vortragende aus, ist eine parteipolitische Richtung im Judentum. Er betrachtet alle die, welche jüdischer Abstammung sind, als ein Volk und diesem will er in Palästina einen „neuen Iudenstaat" errichten. Gibt es ein jüdisches Volk? Zn längeren Ausführungen wies der Redner nach, daß diese Frage zu verneinen sei; fehle doch den Juden an den gemeinsamen Merkmalen eines „Volkes" — gleiches Territorium, gleiche Sprache, gleicher Kultus, gleiche wirtschaftliche Bedingungen und der großen Mehrzahl fehle doch vor allem das bedeutsame Moment des Willens, ein Volk zu sein. Redner wies dann weiter nach, daß die Bedingungen der Türkei und ihr Verhalten zu den Juden durchaus nicht die Annahme rechtfertige, daß die Juden dort besonders herzlich ausgenommen werden würden, streift kurz die (haltlose) „Rassentheorie" und entzog mit seinen ausführlichen und überzeugenden Darlegungen den: Zionismus, der nur eine phantastische, romantische Idee darstelle, den realen Boden unter den Füßen. Im zweiten Teile seines Vortrages ging der Redner dann zu der religiösen Frage im Judentum über und schilderte in beredten Worten den Gedanken und die Ziele des „liberalen Judentums". Besonders wandte er sich an die Jugend, der er mannhaftes Eintreten für das Judentum, aber auch unbedingte Treue zu ihrem vaterlande empfahl, der er ferner ans Herz legte, für die Idee des religiösen Liberalismus zu arbeiten und zu streiten. „Die Kämpfe — nach außen und nach innen — werben nicht ausbleiben, denn Jude sein, heißt Kämpfer sein, darum gilt es nach außen und nach innen einzutreten für die großen und erhabenen Grundgedanken des Judentums" — mit dieser Mahnung an alt und jung schloß der Vortragende seine-rhetorisch wie inhaltlich gleich fesselnden Ausführungen, denen reichster Beifall zuteil wurde. Am 28. April \9V^! fand die Generalversammlung der Ortsgruppe Königsberg i. p r. statt. Zu Eingang hielt vor einer großen Zuhörerschar, in der das weibliche Element naturgemäß am stärksten vertreten war, Frau Regina Neißer aus Breslau einen Vortrag über: „Aufgaben der jüdischen Frau zur Gestaltung und Kräftigung des Judentums". Die verehrte Vortragende wies in ihren, vom schönsten Idealismus getragenen Ausführungen der jüdischen Frau den Weg, den sie gehen müsse, um ihrer Religion zu dienen und zu nützen. Sie verstand es insbesondere, die wichtige Aufgabe, die ihr in der Familie zufalle, bis ins Kleinste zu schildern und die Anwesenden mit ehrlicher Begeisterung für diese schöne Pflicht zu erfüllen. Man merkte dem warmen und anhaltenden Beifall die Empfindungen an, welche der Vortrag in den Zuhörern ausgelöst hatte. — In der Vorstandswahl wurden dann Herr Hermann Wolffheim als geschäftsführender Vorsitzender, die Herren Prof. Dr. Tohn und Justizrat Dr. Lichtenstein als Leiter der Versammlungen, Heirr William Bennigson als Kassierer und Referendar Dr. Mendelssohn als Schriftführer gewählt. Im übrigen besteht der Vorstand aus den Herren Mar Arnsdorfs, Bennheim, Rechtsanwalt Bogusch, Paul Lachmanski, William Leß, Willy Löwenstein und Apotheker Dppel, sowie Frau Borkon. hieran schloß sich noch eine lebhafte Aussprache über Vereinsangelegenheiten, in der besonders die engere Fühlungnahme mit der Jugend und eine großzügigere Propaganda gefordert und beschlossen wurden. Herausgegeben von der Vereinigung für das liberale Judentum Berlin W. 8, Mauerstraße 49. Für die Redaktion und den Verlag verantwortlich Dr. C. Seligmann, Frankfurt a. M., Friedrichstr. 29. Druck und Expedition von Voigt L Gleiber, Frankfurt a. M., Bieber-Gasse 6.

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