Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 114 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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114 Aus dev Jugendbewegung Neben diesen Kursen diente dem Belehrungszweck noch ein fesselnder und begeisterter Vortrag des X}enrn Prediger Dr. Rieger, des Gründers und Leiters unseres Hamburger Brudervereins, über „die konservative Kraft des Liberalismus", hierin wurde der Liberalismus gezeigt nicht als negierende und zerstörende Kraft, sondern als der wahrer und Lrwecker des Judentums von heute, der er sich zu sein bemüht und nach seinen Kräften ist. Lin anderer Zweig der Tätigkeit des Vereins diente der Unterweisung der Mitglieder über die Fragen, die zur Zeit die deutschen Juden besonders bewegten. Ueber den vorzüglichen Vortrag des Herrn Professor Dr. Blaschke „Die jüdische Volksschule" ist bereits in diesen Blättern gesprochen worden. Ferner seien hier die geistreichen, packenden Ausführungen erwähnt, die wir von Herrn Rechtsanwalt Dr. Lyck in seinem unterrichtenden und richtunggebenden Vortrag über „Die Juden in der deutschen Politik" hörten.- Schließlich sind hier noch zu nennen die Diskussionsabende überden Sprachenkampf in Palästina (Referent: Dr. Steinthal) und bereits zu Beginn des Sommersemesters Die Juden und der Wandervogel (Referent: Lmil Bernstein). Die Mitgliederversammlung vom 30. April zeugte von regem Interesse eines zahlenmäßig nicht unerheblichen Mitgliederstammes. Ls fand eine sehr ersprießliche Aussprache über die weitere Tätigkeit des Vereins statt. Um möglichst viele Mitglieder zu einer wirksamen Mitarbeit heranzuziehen, wurde eine wissenschaftliche, eine Presse- und eine Propagandakommission eingesetzt. Zum \. Vorsitzenden wurde für das neue Geschäftsjahr Herr Dr. phil. F. L. Steinthal (Tharlottenburg, Kantstr. 5(), zum 2. Vorsitzenden Herr Dipl.-Ing. Blaschke gewählt. Vortrag des Herrn Ar. John Mertheim in der Jugend-Organisation zu Hamburg. In unserer Jugendorganisation der Hainburger (Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland hielt Herr Dr. I o h n XD e r thei m - Berlin in . einer öffentlichen Versammlung am 4- April einen Vortrag über: „Gegenwartsfragen irti Judentum". — Der Redner führte aus: Die modernen Fragen, die das Judentum besänftigen, ergeben sich aus der Stellung der Juden, wie sie sich nach der großen französischen Revolution entwickelt hat. Rach dem Sturze Napoleons kommen die großen Rückschläge in, der staatsrechtlichen Stellung der Juden, 'die aber nicht verhindern können, daß ihnen durch die Verfassungen der deutschen Bundesstaaten immer mehr Rechte eingeräumt werden. Lin Teil der Juden selbst mißbrauchte aber die neue Stellung und begann, sich seines Iudentunis zu schämen. Gleichzeitig kamen in ganz Luropa Strömungen empor, die zum Materialismus in der Philosophie und zur Verachtung der Religion führten. In der Politik traten Strömungen ein, die. zur Reaktion und zur Unterdrückung der Juden führten, der Antisemitismus der 80er Jahre. Auf diesem Boden erwuchs der moderne Zionismus. Der Nährboden des Zionismus ist der Antisemitismus in der allgemeinen Politik, die Abkehr vieler Juden von der Religion und die romantische Ueberschätzung der Vergangenheit. Der Zionismus markiert die große Scheidelinie in den jüdischen Bestrebungen der Gegenwart. Lr hat nichts zu tun mit Wohltätigkeit. Die Sorge für die unterdrückten Glaubensgenossen haben auch die Nichtzionisten. Lr hat nichts zu tun mit Religion. Gerade die Religionslosen sind Zionisten. Der Zionismus will nicht ein soziales Hilfswerk, sondern eine politische Idee verwirklichen. Diese Idee basiert darauf, daß heute noch die Juden der ganzen Welt ein Volk seien; das ist unrichtig, da den Juden alle Voraussetzungen zu einem Volke .fehlen. Die Zionisten wollen dieses angebliche Volk in einem eigenen Staat vereinigen. Die Gründung eines solchen Staates ist praktisch nicht durchführbar. Palästina ist türkischer Besitz und außerdem nicht geeignet zur Aufnahme von mehreren Mil-