Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 113 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3126481-3126546-3126552--1753-3128578- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Aus der Jugendbewegung L13 allgemein anerkannten Bibel- und Talmudtextes in deutscher Sprache ist zu fördern. . Für die Religionslehrer sind in größeren Städten Fortbildungskurse einzurichten, die sich auch auf orientalische Kulturgeschichte und Archäologie erstrecken. 5. Im Einvernehmen mit den staatlichen Schulbehörden sind Einrichtungen zu schaffen, die eine regelmäßige Beaufsichtigung des an öffentlichen Schulen bestehenden jüdischen Religionsunterrichtes ermöglichen. Mit ihrer Hilfe kann eine allmähliche Ausgestaltung der Lehrpläne in der angedeuteten Richtung eingeleitet werden. Gewähren die Schulen erst einer! wirklich guten Religionsunterricht, dann wird sich das- Publikum auch für ihn interessieren. Die große Menge unserer Glaubensgenossen ist ja nicht unreligiös, sie will nur sehen, daß sich die verantwortlichen Stellen wirklich bemühen, unseren so weit zurückgebliebenen Religionsunterricht zeitgemäß auszugestalten, der ihnen in seiner gegenwärtigen Form nur lächerlich erscheint. Die jüdische Religion lehrt den Fortschritt vorn Unvollkommenen zum vollkommeneren, sie lehrt zugleich, daß nicht der Glaube allein selig macht und das Wort, sondern die Tat! üus 6er Jugendbewegung. Der jüdisch-liberale Jugendverrin Serlin hat am 30. April seine diesjährige ordentliche Mitgliederversammlung abgehalten und damit die Arbeit des Wintersemesters abgeschlossen. Die winterarbeit des Vereins diente vor allem der unmittelbaren Belehrung der Mitglieder und derer, die sich mit ihnen in dem Streben nach Erkenntnis der Grundsätze und (Quellen des Judentums einten. Es bestand bei der Vereinsleitung die Ueberzeugung, daß diese Erkenntnis Vorbedingung ist für die Betätigung einer jüdischen, einer jüdisch-liberalen Weltanschauung, wie sie den Zweck des Vereins ausrnacht. Man meinte weiter, daß auch der,- dem diese Erkenntnis geworden, verpflichtet sei, ständig an ihrer Festigung und Vertiefung zu arbeiten, daß der Verein aber verpflichtet sei, ihm die Möglichkeit zu solcher Ausdehnung seines Wissens zu bieten. Dieser Auffassung folgend veranstaltete der Verein in erster Reihe zwei Vortragszyklen über den „Talmud" und über die „Entstehung des Christentums".. Es ist nicht Aufgabe dieses Berichtes, den Inhalt der in diesen „Kursen" sowie den der sonst gehaltenen Vorträge des näheren wiederzugeben. Der beschränkte Raum würde auch eine befriedigende Lösung dieser Aufgabe verhindern. So sei nur kurz vermerkt, daß uns zunächst Herv Lehrer Hirschfeld, ein warmer, jederzeit hilfsbereiter Freund und Förderer des Vereins, in das Wesen des Talmuds einführte, uns belehrte über Inhalt, Charakter und Bedeutung dieses großartigen Dokuments intensivsten jüdischen Geisteslebens, das den meisten heutigen Juden leider ein Buch mit sieben Siegeln, ein Fabelwerk ist. Es sei ferner bemerkt, daß Herr Rabbiner Dr. Baeck in seinen Vorträgen über die „Entstehung des Thristentuins" mit künstlerischer Gestaltungskraft ein fesselndes Bild entwarf von dem Zustand der Iudenheit vor und zu Jesu Zeiten, von den Strömungen und Strebungen, die sie bewegten, und von den Persönlichkeiten des Johannes, des Iosua. (Jesus) und des Saulus Waulus), die unter den Juden eine soziale Gemeinde, eine Sekte, schließlich eine Religionsgemeinschaft und für sie eine neue Religion schufen. Dabei wußte der Vortragende besonders hervorzuheben, was in den Ideengängen dieser Männer vom eigensten Geist des Judentums war, und worin sich der Weg des entstehenden Christentums vom Judentum schied. Und bei aller wissenschaftlichen (Objektivität waren diese Ausführungen getragen von der Wärme der jüdischen Empfindung. Eine dichtgedrängte Zuhörerschar folgte jedesmal den Worten des Herrn Rabbiner Dr. Baeck.