Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 109 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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o o Ar. Ziegler: Religiöse Assimilation 109 Judentum seinen j)latz und will wieder die Religion, innerlich und äußerlich erneuert, aber doch in historischer Entfaltung, zum Retter der Gesamtheit gegen die Sonderinteressen des Individuums erheben. Und nicht reiner Zufall ist es, daß die neue Vertiefung, das neue Sich-versenken in religiöse Probleme von den deutschen Juden ausgeht, Hat doch auch die neue allgemein-religiöse .Strömung in Deutschland ihre größten Denker und Vertreter. So eröffnet sich denn vor uns seit einigen Jahren ein neues religiöses Ringen im liberalen deutschen Judentum. Und abermals sehen wir die Assimilation der Art an der Arbeit, die Assimilation der jüdischen Religion an die große Weltkultur, an die neuen Probleme, an neue Ideale, an die moderne Wissenschaft und Forschung. Hätte da eine religiöse Assimilation, das kreißt eine Anpassung des Judentums an das Christentum, an christlich-religiöse Feste und Bräuche einen Zweck? Alles ringt und kämpft im Christentum, auch da sucht ein Reues sich durchzukämpfen, und da sollen wir uns dem Alten anpassen? Das wäre nicht natürliche, sondern künstliche Assimilation, und ein gesunder Organismus weist künstliche Assimilation weit von sich. Am Weihnachtsabend Chanuka feiern, das wäre das Schulbeispiel einer künstlichen Assimilation. Jede Assimilation unserer Regigion hat nur den einen instinktiven Zweck: die Erhaltung der Gesamtheit. Chanuka am 24. Dezember ist aber eine Spaltung der Gesamtheit, zu der wir ja nicht nur die deutschen, sondern auch die romanischen, die asiatischen, ägyptischen und russischen Juden zählen. Man wird entgegenhalten: feiern die Juden nicht Weihnachten, halten sie nicht den Sonntag, sprechen sie nicht von Ostern, Pfingsten, als wären es ihre Festtage? Jawohl. Und bedenklich genug ist es. Aber sehen wir näher zu, so bemerken wir bald, daß dies Mitfeiern eigentlich doch nur eine bürgerliche Assimilierung ist, eine Anpassung des Juden an die ökonomischen, sozialen Verhältnisse und Institutionen der Majorität, die im brause und draußen im Leben die rein religiöse Farbe verloren haben und weltliche, fast möchte man sagen, staatliche Einrichtungen geworden sind. Religiöse Assimilation wäre die Erhebung eines christlichen Festes zu einem jüdischen, die Verlegung eines historisch festbestimmten jüdischen Feiertags auf die Zeit christlicher Feiertage. Darum können wir den Sabbat nicht auf den Sonntag verlegen, mögen auch die Juden den Sonntag bürgerlich mitbegehen und den Sabbat derzeit selbst häuslich vernachlässigen. Darum wehren wir uns instinktiv gegen die häusliche Feier des Weihnachtsfestes — selbst in weltlicher Form — und bemühen uns, durch Veredelung und Verschönerung des Lhanukafeftes unsere Rinder von der Mitfeier des Weihnachtsabends abzubringen. Gb die Menora aus Messing, oder Silber, oder Rupfer oder aus einem Tannenbaum verfertigt wird, das ist irrelevant, wenn es nur eine Menora ist und eine Menora für den 2% Rislew. * * * Und das Ergebnis unserer Untersuchung? Beseitigen wir endlich das Wort Assimilation aus unseren inneren Rümpfen. Alles auf Erden, was lebt, assimiliert sich, alles an Zahl oder Rraft Schwächere muß sich dem Stärkeren anpassen. 'Rümpfet nicht gegen die Assimilation, sie muß sein. Selbst vor religiöser Assimilation hat das Judentum nie zurückgeschreckt, wenn es sie gebraucht hat. Fürchtet keine künstliche Assimilation, sie wird sich nie halten, denn jede Assimilation ist eine instinktive, ist Selbsterhaltung, ist Arterhaltung. Das ist der Rampf. Es gilt den Trieb zum Ganzenüber den Selbsterhaltungstrieb stellen. Die Waffe