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Liberales Judentum · 1914-05-01 · Heft 5 (Mai 1914) · p. Seite 108

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 5 (Mai 1914)
Date
1914-05-01
Page
Seite 108 (sequence 16)
Language
German
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108 Ar. Ziegler: Religiöse Assimilation O 0 o o Ein neues Bild des großen Kampfes in der Zudenheit zwischen Art- und Selbsterhaltung zeigt unsere Zeit. Scheinbar ist die heutige Bewegung eine Fortsetzung jener in den ersten sechs Jahrzehnten des Jahrhunderts. 3n Wirklichkeit ist sie weit über sie hinausgegangen, gleicht ihr nur in der Grundrichtung, die ja im Judentum seit zweieinhalb Jahrtausenden infolge unveränderter politischer Konstellation — die der bald gedrückten, bald tolerierten Minorität — unverändert dieselbe geblieben ist. Zn den letztverflossenen vier Jahrzehnten hat sich die Stellung der Religionen in den sogenannten Kulturstaaten sehr zu ihren Ungunsten verschoben. Dermoderne Mensch ist nicht mehr religiös orientiert, das Zentrum seines Fühlens und Denkensi st nicht mehr die Religion. Wissenschaftliche, künstlerische, wirtschaftliche, soziale, politische Fragen füllen heute sein geistiges Leben aus. Diesem Wandel hat sich auch der Jude unterworfen. Zn den ersten sechs Zahrzehnten des $. Zahrhunderts war die Religion doch noch eines der höchsten Güter aller Menschen, wenn sie auch nicht mehr das ausschließliche und einzige 'Gut war. Seither ist sie ungezählten Menschen nur noch Geschichte geworden, eine abgewickelte Spule, ein zu Ende gegangener oder besten Falls im Absterben begriffener Prozeß der geistigen Entwicklung der Menschheit. Man irrt, wenn man sich einreden will, dies Urteil über Religion sei nur in einem kleinen Teil der „Studierten" zu Hause. Zn Wahrheit ist der Abfall von der Religion innerlich in die weitesten Kreise gedrungen, zu Christen und Zuden. Zu dem gesellt sich für uns die Zurücksetzung, die Erschwerung der Lebensbedingungen, ohne die Rücknahme der Gleichstellung; diese bleibt als Gesetz auf dem Papier und wird nur rücksichtslos umgangen. Die Folgen sehen wir vor uns. Der Selbsterhaltungstrieb dringt vor, schüttelt die Ketten ab, die ihn an das Ganzefesseln. Unsere Gesamtheit, die auch heute ein anderes Aequivalent als die Religion dem Einzelnen nicht bieten kann, steht ohnmächtig dem neuen Sieg des Zndividualismus gegenüber, die Waffe, das einigende Band ist ihr aus den fänden gefallen. Aber der Gesamtheitstrieb im Zudentum ist noch immer so mächtig, daß er nach längerem Umhertappen im Dunkeln mit einem gewaltigen Ruck die Religion vorläßt, eine instinktive Assimilation an den modernen Rationalismus vornimmt und den jüdi schen.Rationalismus als Ersatz schafft dein Arterhaltungstrieb zur Rettung des Ganzen für die im Niedergang begriffene Religion. Man mag die letzte Konsequenz des jüdischnationalen Bewußtseins, den Zionismus, verurteilen oder gutheißen, daß dieses nationale Fieber in uns nie gekommen wäre, wenn die Macht der Religionen sich erhalten hätte, daß es nichts anderes ist als das instinktive Bemühen, das Ganze zu retten vor dem uferlosen Ueberfließen der Selbsterhaltung, ist unleugbar. Aber abdiziert hat die Religion auch in unseren Kreisen noch lange nicht. Wie sie in der Christenheit von neuem machtvoll ihre Schwingen hebt, so sehen wir sie auch im Zudentum — kraft der Assimilation — langsam zu neuem Leben erwachen. Gewiß, die alten Religionsideen scheinen es weder hüben noch drüben zu sein, die sich da durchringen und ans Tageslicht heraufarbeiten, aber Religion wird es sein, vielleicht reiner und erhabener noch, als sie gewesen ist. Und siehe da, kaum regt es sich wieder, kaum sehen wir religiöse Zdeen wieder erstarken, aber Zdeen von neuer Struktur und Vertiefung, an der Hand neuer Erkenntnisse und neuer Wahrheiten vom Menschen, seinem Berufe und seinen Zielen, da verlangt auch das

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