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Liberales Judentum · 1914-05-01 · Heft 5 (Mai 1914) · p. Seite 107

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 5 (Mai 1914)
Date
1914-05-01
Page
Seite 107 (sequence 15)
Language
German
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o o e o 107 Ar. Ziegler. Religiöse Assimilation setzung, gegen alle und jede Aufklärung und meinte,. seine Macht unumschränkt auf diese Meise weiter erhalten zu können. Ja, wenn er die Isolierung hätte durchzusetzen vermocht! So aber war das nur Wasser auf die Mühte der Individualisten, die das schrankenlose Recht der Selbsterhaltung predigten, die sie nach einer anderen Herde Umschau zu halten hieß. Aber nicht lange, und das jüdische Gesamtheitsgefühl wird sich seiner großen Aufgabe voll bewußt und geht energisch an die Arbeit, die Teile wieder an sich zu ketten. Der j?unkt, an dem der Arterhaltungstrieb ansetzt, ist. der alte: die Religion, und die Mittel, mit denen er sich helfen will, sind auch die altbewährten: Idealisierung und Assimilierung. Wiederum erleben wir, wie das Judentum das Gegensätzliche, wo es seine Kraft ausmacht, hervorhebt und betont, und wiederum sehen wir es, durch Anpassung an die Ideen der neuen Zeit, die Kette fester schmieden, die Lücken ausfüllen. Durch Aufnahme der neuen philosophischen Lehren in die Gedankenwelt des Judentums, durch Anerkennung der historischen Kritik, durch Vertiefung der Gottesidee, durch Zurückstellung des Zeremonialgesetzes und Voranstellung des religiös - sittlichen Gehalts trachtet das Ganze die Teile sich zu erhalten. Aber auch religiös paßt sich das Judentum an: predigt, Thor, Orgel, deutsche Gebete sind, wenn sie auch als ursprünglich jüdisch in ihrem Wesen nachgewiesen werden, doch nichts anderes als Anpassungen an den christlichen, protestantischen Gottesdienst?) Wie lächerlich, diese Assimilation als Zersetzung zu stigmatisieren! Wie die Selbsterhaltung eine instinktive ist, so ist es auch die Arterhaltung, und was diese für i) Ich mache die Leser dieser Zeitschrift schon jetzt aufmerksam aus das im November l. I. erscheinende zweite Heft des dritten Jahrgangs der „Nolksfchristen über die jüdische Religion", das unter dem Titel „Air Urform" eine glänzende Darstellung Dr. Seligmanns bringt über die gesamte jüdische Resormbewegung im 19. Jahrhundert. sich tut, ist niemals Zersetzung, sondern immer Rettung, Kräftigung. Wohl findet der Instinkt nicht immer gleich den rechten Weg, in blinder Hast verfehlt er oft die Richtung. Aber schließlich findet er sich doch zurecht, stößt Unnützes ab und behält von der Anpassung das, was ihm zur Kräftigung und Erhaltung unentbehrlich erscheint. Und daß die Assimilierung den rechten Weg gewählt hat, zeigte der Erfolg: Tausende und Abertausende hat die kulturelle und diesmal auch religiöse Assimilation des Judentums dem Judentum zurückgewonnen, die Teile an das Ganze abermals gekettet: der ArterhaltungstriebistüberdenSelbsterhaltungstrieb Herr geworden. Daß unter Führung des genialen S. R. Hirsch dieser Arterhaltungstrieb von einer anderen Seite wieder den Individualismus niedergerungen hat, ändert an dem Verdienst der vorangeschilderten Assimilation nicht das Mindeste. Auch die Grundideen, die Hirsch lehrte, waren durch Dissimilation an die Romantik jener Zeit, an ihre Liebe zum alten Volksbesitz und Volksgeist, an die Ideale von dem Berufe der Völker und Nationen gewonnen. Mit diesen ins Jüdische übertragenen Idealen bewaffnete Hirsch die jüdische Gesamtheit und begeisterte einen Teil des Ganzen in so hohem Maße, daß dieser freiwillig zur Isolierung griff und freudig zu Gunsten der Religion und der Arterhaltung auf die Hoffnungen und Sehnsüchte der Selbsterhaltung verzichtete. Ein bewundernswerter Heroismus! Freuen wir uns, daß ein Teil unserer Gesamtheit dessen fähig ist. Die Rettung des weit größeren Teils war der reformistischen Assimilierung beschieden. verdient die keinen Dank? Gewiß, alles hat sie nicht retten können; nur zu oft hat der Individualismus über das Gesamtheitsgefühl triumphiert. Undank ist es jedoch, die Mißerfolge vorzurechnen, wo die Erfolge so große sind. * * *

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