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Liberales Judentum · 1914-05-01 · Heft 5 (Mai 1914) · p. Seite 106

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 5 (Mai 1914)
Date
1914-05-01
Page
Seite 106 (sequence 14)
Language
German
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106 Ar. Ziegler: Religiöse Assimilation . o o o o kungen des reicher gewordenen Selbsterhaltungstriebes. Scharf wird abermals das Gegensätzliche betont und ins volle Licht gedrückt, aber zugleich paßt sich das Judentum der arabisch-griechischen Philosophie an und identifiziert sich mit ihren Idealen. Die Gottesidee geht einer wunderbaren. Vertiefung entgegen, der Rationalismus wird -angenommen, die Religion als Offenbarung -einer sittlichen Welt in den Vordergrund gestellt, das Zeremonialgesetz zurückgedrängt: eine Fülle von Assimilation der Religion. Und zwar nicht direkt an Religion, sondern mehr an Philosophie und Umwelt, also an das allgemeine Kulturleben. Aber wiederum erlebt das Judentum eine rücksichtslose Reassimilierung. Es kamen die Jahrhunderte der großen Abgeschiedenheit, der großen, traurigen jüdischen Isolierung. Immer enger wurde es wirtschaftlich, immer enger auch -geistig: unser armes Volk spann sich in seine alten Gedanken ein. Die Gottesidee verflachte sich, das Zeremonialgefetz wurde allen vorangestellt, die Mystik nahm alle Herzen gefangen: der Schulchan aruch hat den Mischne Tauro, der So har den More Nebuchim überwunden und an die wand gedrückt. Da und dort, in Italien und in den Niederlanden zeigt sich eine kleine Lichtung, doch nur für kurze Zeit, ohne das Leben der Gesamtheit tiefer beeinflussen zu können. * * * Die französische Revolution bringt die große Umwälzung, vorbereitet hat sie sich in. der christlichen Welt schon lange. Mit Der Rückkehr zur griechisch-römischen Kultur Hub sie an, setzte sich fort in der Kunst, schuf die Naturwissenschaften, wurde von der Philosophie übernommen, um schließlich in die staatliche, soziale und wirtschaftliche Erneuerung zu münden. Der Individualismus wird zur höchsten Blüte gebracht und erreicht seinen herrlichen Höhepunkt in der Verkündung der Menschenrechte. Nun tat sich der Menschheit eine Welt von ungeahnter Fracht und Schönheit auf, nun wurde sie sich erst ihrer Gottesebenbildlichkeit bewußt, wohin man blickt, überall winken gewaltige Errungenschaften dem Menschen entgegen auf allen Gebieten der Kunst, des Wissens und Denkens. Die Lebensbedingungen werden veredelt und verfeinert, das ganze Dasein auf ein höheres Niveau gestellt. Freude und Schönheit, Kraftbewußtsein und Gleichheitsstreben werden bis in die untersten Schichten hineingetragen: ein Hochgenuß ist geworden zu leben, zu kämpfen. Und an diesem Leben sollte jetzt die jüdische Gesamtheit vieler Länder teilnehmen, in dieses Leben üppigsten Individualstrebens wurde der Jude hineingestellt. Zwar noch nicht mit dem Recht, von allen Bäumen die süßen Früchte pflücken zu dürfen, aber doch schon mit Menschenrecht, wie mächtig schwoll da der Selbsterhaltungstrieb an! Der Jude verging, verzehrte sich in der Sehnsucht, in dieser herrlichen neuen Welt sich voll durchsetzen und ausleben zu können. Nie hat der Individualismus mit solcher Macht an den Türen der jüdischen Wohnhäuser geklopft, wie in diesen Tagen. — Aber der Gesamtheitstrieb war auch da und wurde vom Selbsterhaltungstrieb des Einzelnen zu erhöhter Tätigkeit aufgepeitscht. Jetzt begann der Kampf: hie Selbsterhaltung, hie Arterhaltung, ein Kampf, wie er in der jüdischen Diaspora noch nie so schwer und leidenschaftlich geführt worden ist. Im ersten Augenblick schien der Trieb der Arterhaltung zu unterliegen, wie denn auch nicht! Seit Jahrhunderten war er ja eingerostet, in Schlaf gebettet. Er konnte sich anfangs gar nicht aufraffen, konnte es nicht verstehen, daß es auch für ihn einen Existenzkampf gebe und wütete gegen jene, die ihm auf die Beine zu helfen suchten: er warf Bannstrahlen gegen Mendelssohns Bibelüber-

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