Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 105 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Ziegler: Neligiösr Assimilation 105. viel mehr und viel durchgreifender an die Kultur als an die Religion der sie umgebenden Welt, so daß wir eher von einer kulturellen, als von einer religiösen Assimilation sprechen können. Diese fehlt auch nicht, aber sie ist seltener; offenbar, weil der Arterhaltungstrieb sie entbehren konnte und das eigene religiöse Tharakteristikon nicht verwischen wollte. Das ist unsere innere Geschichte in den letzten zweieinhalb Jahrtausenden, da wir aufgehärt haben, eine geschlossene Nation zu sein. Selbsterhaltung und Arterhaltung sind da stets die treibenden Elemente gewesen. In der Isolierung deckten und ergänzten sie sich unschwer. In der Freiheit aber, im lebendigeren Verkehr mit der Umwelt kam es immer zum Kampf. Der Individualismus, der Selbsterhaltungstrieb treibt hinaus, der Herdentrieb, die Arterhaltung ist die Beharrung. Das Ganze will den Einzelnen an sich fesseln. Das Mittel dazu ist die Religion. Sie idealisiert das Lieben des Einzelnen und unterdrückt die materiellen wünsche der Selbsterhaltung. Zu dem Zweck eignet sich die Religion jederzeit die Ideale der jeweiligen Zeitströmung an, das heißt, sie assimiliert sich. Kommt ein Rückschlag, tritt Isolierung wieder ein, führt die Religion skrupellos, soweit sie es braucht, die R e a s s i m i l i e - rung wieder durch. So sehen wir durch Assimilation im babylonischen Exil den alles umfassenden jüdischen Monotheismus erwachsen, so nimmt das Judentum von den Persern die Lngellehre auf, die Ausbildung des Ienseitsideals, Paradies und Hölle, und so assimiliert sich das Judentum in Alexandrien an die griechische Philosophie in Ethik und Allegorie. Und ob Gebete, wie das „wijhi rozaun" in unserem täglichen Morgengebet, das dem prophetischen, biblischen Ideal von der versittlichung aus eigener Kraft so total widerspricht, nicht durch Anpassung an die christliche Auffassung von der Sünde undder göttlichen Gnade entstanden sind, verdiente eine sehr gründliche Erforschung. Wohl sehen wir gerade in solchen Assimilationsperioden auch immer das Gegensätzliche stark ausgeprägt, herausgearbeitet und betont, insofern der Gegensatz in dem einen oder anderen Punkt das Gemeinschaftsgefühl, die- Ideale des Ganzen kräftigt. Das hindert aber nicht die Religion, ihre Assimilier u n g an die Umwelt ebenso energisch durchzusetzen. Als aber die folgenden Jahrhunderte wieder eine starke Isolierung brachten, reassimilierte sich das Judentum wieder, weil ihm jetzt die Reassimilierung für die Arterhaltung nützlicher war. Die hellenistische Alle-- gorie wurde beseitigt, das isolierende Zeremonialgesetz der Ethik ebenbürtig an die Seite gestellt, stellenweise sogar ihr vorangestellt^ und selbst die Gottesidee glitt von der Höhehinab, die sie in den Tagen philos erklommen hatte. Nur Lngellehre, Mystik, Ienseitsideal, diese trefflichen Mittel der Arterhaltung durch die Religion, blieben undschlugen feste wurzeln in der jüdischen Gesamtheit. In der Zeit der Maurenherrschaft in Spanien sehen wir den ganzen Prozeß sich wiederholen. Das weltliche Leben wird weiter, abwechselnder, interessanter. Der Verkehr mit der Umwelt setzt sich in neue- Triebe der Selbsterhaltung um. Handel und- Wandel sind mannigfaltiger geworden, dev Blick freier, das Individuum, der Einzelnestrebt ins Weite. Im selben Augenblick sehen wir den Arterhaltungstrieb in voller Arbeit. Und zwar wiederum an dem Punkt, der dem Judentum, damals auch der anderen Welt, alles bedeutet hat: in der Religion: das einzige große Gut, das die jüdische Gesamtheit ihren Einzelnen als Entschädigung reichen konnte für die Beschrän-