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Liberales Judentum · 1914-05-01 · Heft 5 (Mai 1914) · p. Seite 104

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 5 (Mai 1914)
Date
1914-05-01
Page
Seite 104 (sequence 12)
Language
German
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104 Dr. Ziegler: Religiöse Assimilation o o Und nun die Nutzanwendung. Die Iudenheit bildet in den meisten Ländern der Welt eine kleine, in die großen Nationen hineinversprengte Minderheit. Selbsterhaltung und Arterhaltung sind auch ihre höchsten Triebe: die Selbsterhaltung dem Einzelnen, die Arterhaltung dem Ganzen. Mb wir uns eine religiöse Gemeinschaft nennen, oder eine dem Stamme nach, ob wir uns den Namen Nationalität arrogieren, oder uns Nasse oder gar Volk nennen, das ändert wohl kaum an der Tatsache, daß wir in jedem Lande, wenn auch nur religiös und stammlich, ein Ganzes bilden, das sich erhalten will, und dessen Glieder sich erhalten wollen. Doch Selbsterhaltung und Arterhaltung laufen nur dann parallel, wenn sie an einander Befriedigung finden, wenn das Einzelne im Ganzen die höchste persönliche Sicherheit findet, die Interessen des Ganzen dem Einzelnen zu einem hohen persönlichen Gut werden. Seit zwei Jahrtausenden ist das Judentum unentwegt bemüht, diese Kongruenz zwischen dem Einzelnen und der Gesamtheit aufrechtzuerhalten. So lairge die Juden in der Diaspora ein Sonderleben führten, freiwillig oder gezwungen in eigenen Vierteln wohnten, Handel und Verkehr in engen Grenzen sich hielt, der Jude sein eigenes geistiges Leben hatte, beschied .sich auch die Selbsterhaltung und begnügte sich mit'dem vom eigenen Alltag Gebotenen, wie aber die Juden in lebhafteren, oft sogar freundschaftlichen Verkehr mit ihrer Umwelt traten, Handel und Wandel umfassender wurden, dehnte und streckte sich auch der Selbsterhaltungstrieb 'des Einzelnen, wurde begehrlicher, und die persönliche Assimilation begann. Im selben Moment trat aber auch der Herdentrieb in Tätigkeit, der Trieb der Arterhaltung, um die zentrifugalen Bestrebungen des Individuums zu paralysieren, zu hemmen und den Einzelnen im Bannkreise des Ganzen zw halten. Das vermochte unser kleines^ in alle Weltteile versprengtes Judentum gewiß nicht durch Realisierung, aller Wallungen des Selbsterhaltungstrieb eszu erreichen. Das ist großen Nationen, eventuell in bescheidenerem Maße auch kleinen, geschlossenen Völkern gegeben, uns war dasstets versagt. So suchte das Judentum dio Arterhaltung, die Erhaltung der Gesamtheit: durchzusetzen entweder durch Isolierung, oder durch Idea lisierung, oft auchdurch Vereinigung beider Momente. Das- Judentum mußte bemüht sein, ein großes- Aequivalent den Seinen .zu geben für die- Mpfer, die jeder Einzelne an seiner Selbst--, erhaltung zu Gunsten des Ganzen bringen sollte. Und dies Aequivalent wav die Religion. Dje religiöse Ueberzeugung der Gesamtheit, die ja auch alle politischen, sozialen und wirtschaftlichen Träumedes Ganzen in sich schloß, war eine so ungeheuere Macht, erfüllte die Seelen mit sohohem Glücksgefühl, mit solchem Idealismus^ daß der Einzelne jedes Mpfer für die Glut: dieser Gesamtüberzeugung freudig brachte- Aber diese Idealisierung des Lebens an dev Hand der Religion konnte in den alten Formen sich nur bewegen, solange die Gesamtheit zugleich durch Isolierung von neuem Lebenserscheinungen ferngehalten wurde. Wiejedoch die Mauern fielen, die Isolierung, einem regeren Verkehre wich, die Juden mit: neuen Strömungen und Gedanken bekannt wurden, mußte auch die Idealisierung neue- Formen annehmen, die Gedanken der Zeit sich aneignen. Und da die Idealisierung des jüdischen Gesamtlebens nur durch die Religion, ging, mußte diö Religion der neuen Ideem sich bedienen, um den Einzelnen an die Gesamtheit zu fesseln. Mit einem Worte: D^e jüdische Religion mußte sich assimilieren. Aber — das müssen wir vorwegnehmen — die Religion assimilierte sickt

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