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Liberales Judentum · 1914-05-01 · Heft 5 (Mai 1914) · p. Seite 103

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 5 (Mai 1914)
Date
1914-05-01
Page
Seite 103 (sequence 11)
Language
German
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o o ■o o Ar. Ziegler: Religiöse Assimilation 103 Derart isolieren, daß der Einzelne neidlos -auf den großen Nachbar sehe. Da heißt -es, dem Individuum ein Aequivalent »geben, das. ihm leicht macht, auf die volle ^Befriedigung der Selbsterhaltung zu Gunsten Der Arterhaltung zu verzichten. Dies Aequiva- .lent sind zumeist nationale Ideale: man -lehrt eine geschichtliche Mission, träumt an Der Hand einer großen Vergangenheit von »einer glorreichen Zukunft u. dgl. mehr. Ein ^Beispiel hierfür sind die s>olen in Deutsch- .land, Oesterreich und Rußland. Also: einer <ttomisierten, freien Minderheit gelingt die Arterhaltung nur durch Idealisierung Des Lebensziels im Dienste der Gemeinschaft. * Natürlich, je mehr die Arterhaltung sich durchsetzen kann, ohne die Selbsterhaläung unterbinden zu müssen, um so sicherer äst ihr Erfolg. Denn wenn auch überhitzter Chauvinismus zu großen Opfern bereit ist, ein dauernder Zustand kann das nicht sein. Ermattung und Abspannung lösen die Fieber- ^lut ab und gefährden die Arterhaltung. Wer immer durch die Rückständigkeit der eigenen Erfolge zu beklemmenden vergleichen gezwungen wird, kann nur schwer der Idealisierung des Lebens ganz folgen, die der Arterhaltung dienen soll. Erst wenn die kleine Gesamtheit, der er angehört, in allem -was die Zeit an Großem und Schönem Dringt, den großen Gruppen gleich zu werden sich bestrebt, also sich als Ganzes den anderen Ganzen assimiliert, wird Der Einzelne ihr begeistert opfern und sich zu ihr bekennen, den Verlockungen des Frem- Den widerstehen, das nicht ihm Eigentümliche ab stoßen. . Und das geschieht auch. Wie sich der Einzelne assimiliert, um feine Selbsterhaltung zu wahren, so assirniliert sich auch die schwächere Art und paßt sich der stärkeren an zur Erhaltung des Ganzer;. Wie weit die Assimilierung der Art geht, das kann man getrost dem Ganzen überlassen. Wie das gesunde Individuum in der Anpassung nie auf sich selbst vergißt, da ja die ganze Anpassung nur ihm selbst dient, so wird eine, gesunde Gemeinschaft sich nie so assimilieren, daß der Zweck der Assimilierung, die Arterhalt u n g, in das Gegenteil umschlägt, in die Auflösung. Wagt sich die Assimilierung des Individuums im Drange der Selbsterhaltung zu weit vor, der Geist der Gesamtheit, der Herdentrieb führt sie schon wieder zurück. Die Gesamtheit hat immer den richtigen Instinkt, das richtige Gefühl, wie weit, sie sich selbst den großen Gemeinschaften anxassen darf, ohne selbst Schaden zu erleiden, ohne sich selbst untreu zu werden. Daß auch die Art in allem und jedem sich assimiliert, daß sie keinen Unterschied macht zwischen weltlicher und religiöser Assimilierung, ist selbstverständlich. Nur wird sie sich nie assimilieren, wo sie es nicht muß. Es ist daher falsch zu sagen, eine kleinere, doch freie, in eine große Nation versprengte Minderheit müsse sich auch religiös assimilieren, wenn sie sich einmal bürgerlich assimiliert. Das nicht. Sondern, die Gesamtheit assimiliert sich auf allen Gebieten, ohne Ausnahme, doch nur soweit ihr Instinkt es für unausweichlich findet zur eigenen Erhaltung. Findet sie eine religiöse Einpassung für notwendig, wird sie vollzogen, ist sie ihr entbehrlich, unterläßt sie sie. Denn weder Individuum. noch Art assimilieren sich ohne inneren Zwang. Wird jedoch die Anpassung der Art gewaltsam znrückgedrängt, so tritt sofort die Reaktion des Individuums auf den j)lan und die Selbsterhaltung in ihr Recht: das Einzelne findet keine Befriedigung in seinem Ganzen, bringt anfangs widerwillig, dann gar nicht die von der Arterhaltung geforderten Opfer an seiner Selbsterhaltung: dev Abfall vollzieht sich. * * *

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