Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 102 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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102 Ar. Ziegler: Religiöse Assimilation o o o o wenn der Einzelne seine Assimilation an das Fremde auch innerhalb des eigenen Ganzen energischer durchsetzen wollte, dämmt sie die Herde ein, die sie nur soweit gestattet, als es mit ihren Interessen vereinbar ist. Je stärker das Band ist, das Einzelwesen und Volkstum umschlingt, um so geringer wird die Lust und der Zwang, sich der Außenwelt anzupassen, um so behaglicher, zufriedener fühlt sich der Einzelne im Kreise seiner Artgenossen, umsoweniger trachtet er dem außerhalb seiner Herde Stehenden irgendwie ähnlich, zu werden. In dem Augenblick aber, in welchem das Gefüge sich lockert, das Individuum in seiner Gesamtheit nicht aufgeht, nicht in ihr vollste Befriedigung findet, ändert sich sofort der Gesamtzustand des Einzelnen. In dem Triebe, einem Ganzen sich anzuschließen, sucht er die Befriedigung seines Herdentriebes dort, wo er ihn bis dahin nicht gesucht hat: bei dem Fremden. Und damit kommt die persönliche Anpassung wieder zu ihrem vollen Recht, die von dem Selbsterhaltungstrieb nunmehr gebieterisch gefordert wird. * Aus dieser Erkenntnis ergibt sich folgendes Gesetz: will die Gesamtheit das Linzelneansichdauerndketten und sich dienstbar machen, muß sie ihm volleBefriedigung seinermateriellen und ideellenSelbsterhaltung bieten. Das tut sie, indem es ihr gelingt, entweder das wollen und wünschen des Individuums ihrem eigenen gleichzustellen, oder ihre eigene Macht derart zu steigern, daß sich der Selbsterhaltungstrieb des Einzelnen in ihr ganz entfalten kann; schließlich auch dadurch, daß dem Individuum das, was sie ihm bietet, wertvoller dünkt als das, was andere Gesamtheiten ihm entgegenbringen. Das erste gelingt ihr durch Isolierung, das zweite durch Realisierung, das dritte durch Id ealisi erung. Damit sei nicht etwa gesagt, daß eines das andere ausschließt; es sind da nur die drei Möglichkeiten gegeben, die, jede für sich, imstande sind, dem Einzelnen die Arterhaltung als letztes, höchstes Ziel hinzustellen, wertvoller als die Selbsterhaltung, und ihn dadurch in jeder Einsicht zu befriedigen. Eine große Nation, eine einheitliche, festgeschlossene Weltmacht hat es sicherlich nicht nötig, ihre Angehörigen durch Isolierung sich treu zu erhalten. . Sie vermag die Wünsche des Individuums fast vollauf zu realisieren. Sie bietet selbst ihren sozialen und politischen Minderheiten, auch den unteren Klassen, eine solche Fülle kraftvoller Entfaltungsmöglichkeiten, daß keiner der Gesamtheit entsagen will. In ihr ist die Befriedigung der materiellen und ideellen Selbsterhaltung Wirklichkeit, Realität. Und wird ein Teil zurückgedrängt, hat er sicherlich das Verlangen, sein Recht innerhalb seines Volkes sich zu erkämpfen. Nur der Gewalt entzieht er sich durch Auswanderung, wird aber in der neuen Heimat den Zusammenhang mit der alten stets gern aufrechterhälten. Daß ein mächtiger Staat in der Lage ist, seine Bevölkerung zu isolieren, auf einer derart niedrigen Stufe der Zivilisation und Kultur zu halten, daß sie ihre Selbfterhaltung ganz nach dem Befehle und dem Wunsche des Staates regelt, ist allen bekannt, denen die politische Konstellation des heutigen Europa nicht fremd ist. Auch kleine Staaten können diese Is olierung mit ziemlichem Erfolg durchführen, soweit sie nicht auf einen regen Verkehr mit kulturell hochstehenden Nationen angewiesen sind. Nationale Minderheiten jedoch, die versprengt inmitten eines Staates leben, der seine Glieder durch die Erfüllung des höchstgespannten Selbsterhaltungstriebes an 'sich fesseln kann und will, können sich unmöglich auf die Dauer