Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 101 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Dr. Ziegler: Religiöse Assimilation 101 mehrjährigem Aufenthalt in Europa, ohneweiters reassimilieren, so er die Absicht hat in Europa zu bleiben. Es steckt darin weder Heuchelei, noch Irgend eine Charakterlosigkeit, die Reassimilation ist ein Zwang der Selbsterhaltung, vor dem sich alles beugt und beugen muß. Gewiß ist bei der schon vollzogenen Assimilation der Kulturmenschen an einander der Anpassungsprozeß heute nicht so intensiv, wie er vor Jahrhunderten gewesen ist, aber da ist er, und kein Verstand, keine Vernunft kann sich ihm mit Erfolg entgegenstellen, wenn ihn der Selbsterhaltungstrieb zur Tat zwingt. Er wird durch Vernunft, Bildung und Kultur geschärft, in diese oder jene Bahn gelenkt, aber nie verdrängt. Ziehen wir aus diesen biologischen Tatsachen die Konsequenzen, gipfeln sie in der Erkenntnis, daß der ungeheueren, im Selbsterhaltungstriebe wurzelnden Macht der Assimilation niemand und nichts widerstehen kann. Also auch Religion nicht. Fordert der Selbsterhaltungstrieb des Menschen die Assimilation der Religion, assimiliert sich auch die. Sich bürgerlich zu assimilieren, religiös nicht, kann also absolut nicht von außen dekretiert werden. Das dekretiert sich selbst von innen heraus. Genügt der Selbsterhaltung die bürgerliche, wirtschaftliche Assimilation, wird der Mensch auch nie weiter gehen; die dem Menschen von Natur aus innewohnende Gewohnheitskraft des Beharrens, der Stabilität läßt eine künstliche, zwecklose Assimilation gar nicht zu. Erscheint ihm auch die religiöse unerläßlich, wird er auch die vollziehen, unerbittlich, ohne zu zaudern. Des Menschen Herr und Gebieter ist die Selbsterhaltung. * * * An der Ls erde aber, am Volkstum, an der Gesamtheit bricht sich 'bie Macht der Selbsterhaltung; hier wird die Selb st - erhaltung paralysiert von der Arterhaltung, hier findet sie ihren Herrn und Meister. Der Mensch als Herdentier wird vom Drang der Selbsterhaltung zum Ganzen getrieben und fühlt sich am wohlsten und sichersten in der Masse der Seinen. Um diese Sicherheit nicht zu verlieren, opfert er manches, vieles, und so wird der Selbsterhaltungstrieb korrigiert, reguliert, veredelt und. geadelt durch das Interesse an der Gesamtheit, durch die Arterhaltung, diese eigentlich vollendetste Befriedigung der Selbsterhaltung. Die Zugehörigkeit zu einer gleichgearteten, in sich geschlossenen Gruppe erleichtert die Lebensbedingungen, erhöht die Widerstandskraft und verringert die Kampfnotwendigkeiten. Sehr anschaulich zeigt sich das im freiwilligen Ghetto der russischen Juden in London und Newyork. Wir haben leicht wünschen, sie mögen sich über das ganze Land zerstreuen. Würde aber die Zerstreuten 'die neue Welt nicht zermalmen? Wären sie gewachsen den ungeheueren Kämpfen der Selbsterhaltung? Gerade der Trieb ihrer Selbsterhaltung will das Letzte nicht wagen und schafft einen Rückhalt in der Herde. Vereint haben sie sich die alte Heimat in der neuen erhalten, gewinnen in der Gemeinschaft festen Boden und können langsam den Anforderungen der Assimilation Nachkommen. Die Landflucht der heutigen Juden, ihr Zug nach den großen Städten, wie wir das heute in Deutschland und Oesterreich beobachten können, ist ebenfalls auf den Herdentrieb zurückzuführen, der im Ganzen die beste Gewähr der Selbsterhaltung bietet. Die durch das Zusammenleben mit der Gesamtheit gewonnene Sicherheit macht also die persönliche Assimilation zumteil entbehrlich. Da, wie wir wissen, die Anpassung nur auf inneren Zwang vor sich geht, entfällt sie oder verringert sie sich im Volkstum, weil sie da weniger oder gar nicht notwendig ist. Aber selbst