Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 99 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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99 Ar. Ziegler: Neligiöse Assimilation heißt es: „Die Vorstellung aber, daß man die Assimilation auf allen Gebieten des Lebens zum Programm erheben, auf einem bestimmten Gebiete aber, dem religiösen, vermeiden könne, ist eine Utopie im schlimmsten Sinne des Wortes, ein Irrtum. Alle Aeußerungen des Lebens innerhalb einer bestimmten Gruppe von Individuen hängen aufs engste miteinander zusammen. Ls wäre ganz verkehrt, zu glauben, daß hier reinliche Scheidung möglich wäre". Der Verfasser dieses Artikels teilt sonach vollinhaltlich die Ansicht Makowers, d a ß i n d e r Freiheit die religiöse Assimilation ebenso kommen müsse wie die bürgerliche. Es stehen hier somit zwei für das Judentum unserer Zeit außerordentlich schwerwiegende Anschauungen einander schroff gegenüber. Die eine besagt: Line Minorität kann sich in der Freiheit auch vor religiöser Assimilation nicht schützen. Die andere dagegen behauptet: sie muß und kann es. Die Bedeutung dieser Frage ist so groß für das heutige Judentum, daß ihre eingehende Erörterung gerade in diesen Blättern mir unerläßlich erscheint. vor allem muß eines konstatiert werden: was unter dem Begriff „A s s i m i l i e r u n g" bekämpft wird, ist in Wahrheit nicht die Assimilierung. Bei allem Respekt vor der Presse sei konstatiert, daß sie schon häufig mit ihren Wortbildungen viel Unheil angerichtet hat. Lin klassisches Beispiel dafür ist die Erhebung des Wortes Assimilation zum Schlagwort von Seiten unserer nationalistischen und zionistischen Journalisten. Ls hätte kein schlechteres Zeitungswort geprägt werden können; keines, das so die Begriffe verwirrt, und ineinander geworfen hat. An dem unseligen Zwist, der in unseren Reihen heute tobt, hat die Wahl dieses Wortes nicht wenig Schuld. Ls hat Entzweiung hervorgerufen selbst dort, wo sie vollständig vermieden hätte werden können. Vielleicht ist die Beseitigung dieses Wortes und der mit ihm verbundenen Verwirrung auch fetzt noch geeignet, manche Kluft zu überbrücken, die auf den ersten Blick unüberbrückbar zu sein scheint, wir wollen den versuch machen. * * * was ist Assimilation, zu deutsch Verähnlichung, Anpassung? Das Wort bedeutet in der Biologie das Bestreben des Schwächeren, den Stärkeren ähnlich zu erscheinen, um dadurch vor feindlichen Angriffen gesicherter, in den Lebensbedingungen geschützter zu sein. 'Dieser Stärkere muß nicht gerade ein organisches Lebewesen sein, er ist, besonders in der Pflanzen- und untergeordneten Tierwelt, noch viel häufiger Klima, Boden- . beschaffenheit, Luft, Wasser, oder sonst etwas, das in irgend einer Richtung stärker ist. Assimilation ist sonach immer und überall: Selb st er Haltung. Einige Gesetze der Assimilation werden wir gut tun im Auge zu behalten. Da Selbsterhaltung ein natürlicher Trieb ist, ist auch die ihm allein dienende Assimilation natürlich, d. h. instinktiv, ein Muß, dessen Unterbleiben die Existenz gefährdet. Man kann allerdings Assimilationen auch künstlich herbeiführen, jedoch nur die Gelegenheit, dazu, die Assimilation als solche, ist immer instinktiv. Man wird z. B. um einen Salamander mit gelber Farbe schwarzfärbig zu machen, ihn Jahre lang auf Gartenerde halten. Die Gelegenheit ist daher künstlich gegeben. Daß aber der Salamander dann wirklich die schwarze Farbe bekommt, ist die natürliche Folge dev künstlichen Gelegenheit; die Anpassung selbst ist bei organischen Lebewesen niemals künstlich. Eine zweite wichtige Tatsache ist, daß die Assimilierung alle Organe, alle