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Liberales Judentum · 1914-05-01 · Heft 5 (Mai 1914) · p. Seite 97

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 5 (Mai 1914)
Date
1914-05-01
Page
Seite 97 (sequence 5)
Language
German
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o o o o Hermann Vogelstein: Gottlieb Klein 97 geschaffen, viel für die Hebung des religiösen Lebens geleistet. Das war nur möglich burch seine freisinnige Auffassung des Judentums, die er von Anfang an klar und offen Vertrat. Er ist den Anschauungen Geigers treu geblieben, in der praktischen Betätigung freilich über Geiger hinausgehend. Seine Gemeinde wußte, was sie an ihm hatte. Sie schätzte und liebte ihren Seelsorger und gab diesen Gefühlen gelegentlich seines 25jährigen Amtsjubiläums Ausdruck. Als in den letzten Jahren Krankheit wiederholt seine Arbeitskraft beeinträchtigte, wollte sie ihn durch Anstellung eines zweiten Rabbiners entlasten, der in feinem Sinne wirken und dereinst sein Nachfolger werden sollte. Er hat die Erleichterung nicht mehr erleben sollen. Seine Wirksamkeit in Stockholm griff weit über den Kreis seiner Gemeinde hinaus. Mit den führenden christlichen Theologen Schwedens, mit den gelehrten Kreisen der Hauptstadt stand er in regem, freundschaftlichem Verkehr; in theologischen und sonstigen wissenschaftlichen Fragen hörte man auf sein Urteil. So hat er das Ansehen des Judentums und seiner Gemeinde außerordentlich gehoben. Das aber vermochte er, weil er, -der glänzende Redner, der hervorragende praktische Rabbiner, im Grunde seines Wesens eine Gelehrtennatur war. Aus der Wissenschaft schöpfte er, in der Wissenschaft lebte er. Ganz besonders sind seine Studien dem Judentum zur Zeit der Entstehung des Christentums und den religionsgeschicht- Kchen Voraussetzungen und Bedingungen des Christentums gewidmet gewesen. Dies Gebiet hat er auf das gründlichste beherrscht. Vorurteilsfrei, aber mit glühender Liebe für das Judentum sind seine Arbeiten geschrieben. Von seinen zahlreichen Zinssätzen in der Zeitschrift für neutestamentliche Wissenschaft ganz zu schweigen, sei nur sein wertvolles Buch „Der älteste christliche Katechismus und die jüdische f)ropagandaliteratur" genannt, Hier zeigt er die religiöse Entwicklung ..des Judentums, die universalistische Tendenz der jüdischen Weisheitsliteratur. Er zeigt namentlich die universalistische Richtung des f)roselytenunterrichts und der diesem Zwecke dienenden jüdischen Schriften und legt das Jüdische in dem ältesten christlichen Katechismus, der Didache, dar. In dem Schlußkapitel des Buches beschäftigt er sich mit dem Apostel j)aulus. Die Persönlichkeit dieses RIannes, der dem Christentum die entscheidende, es vom Judentum endgiltig trennende Richtung gegeben hat, und die jDrobleme, die diese Persönlichkeit darbietet, fesselten ihn seitdem. Ein großes Werk über j)aulus hatte er unter der Feder. Sein Gesundheitszustand hinderte ihn an der Fertigstellung. Kaum wage ich zu hoffen, daß die Vorarbeiten so weit gediehen sind, daß "die Herausgabe des Werkes aus dem Nachlaß möglich ist. Innerhalb des Iudentumes ist in weitere Kreise seine Würdigung Abraham Geigers als praktischer Theologe und Reformer in dem zur Geigercentenarfeier erschienenen Werke gedrungen. Hier verfolgt der Schüler die Entwicklung des Lehrers als Theologen. Die gleiche Ueberzeugung, die Begeisterung für die freisinnige Auffassung des Judentums, der zuversichtliche Glaube an die große Zukunft des Judentums klingt aus jedem Satz heraus. Der letzte Sommer schien Klein die alte Frische wiedergegeben zu haben, arbeilsfroh kehrte er heim. Da erkrankte er unmittelbar an dem Versöhnungstage, nach schwerem Leiden ist er kurz vor dem j)eßachfest verschieden. Die Worte, die den Eingang und den Abschluß seiner großzügigen Würdigung Geigers bilden, die aus der Tiefe seiner Seele heraus geschrieben sind, gelten fast buchstäblich von ihm selbst: Aus der Enge des Ghetto ist er zu den

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