Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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94 Ar. Kalzberger: Zum 70. Geburtstage von Sirgrnnnd Maybaum viele kleinere Abhandlungen, seine sorgfältigst ausgearbeiteten Gutachten zumal, erfüllt. Denn wiewohl (oder auch weil) in der Schule des Talmudismus groß geworden, hat der Verfasser nach Geigers Vorgang sich rückhaltlos zu dem Gedanken der Entwickelung in der Religion bekannt und diesen Gedanken in zwei größeren Werken, der Geschichte der Entwicklung des israelitischen Priestertums und Prophetentums, historisch begründet. Aus dem Rachweis einer organischen Entwicklung innerhalb 'der Religion entnimmt er nicht allein das Recht, sondern auch die Forderung des wahren Liberalismus: die bewußte allmähliche geschichtliche Erneuerung und Verjüngung des Judentums. Diese eminent praktische Forderung hat Maybaum zum Leitstern seiner theologischen Tätigkeit gemacht; dabei kam ihm zustatten, daß er die Tätigkeit in Berlin ausüben konnte, der Zentrale der Intelligenz wie auch des Fortschritts, in einer Gemeinde, der Mendelssohn den Stempel seines Geistes aufgedrückt hatte, Hier konnte er, aller Gegnerschaft zum Trotz, an einer zeitgemäßen Umgestaltung des öffentlichen Gottesdienstes Mitarbeiten, der in der Hauptsache das hebräische Gebet beibehält, zugleich eine ansprechende deutsche Uebersetzung bietend, der Wiederholungen vermeidet, Längen und veraltete Vorstellungen streicht und durch Grgel und Thor auch auf den ästhetisch gebildeten Beter wirkt, ohne den jüdischen Tharakter zu verleugnen. Innerhalb des Gottesdienstes hat Maybaum der predigt eine hervorragende Stellung zugewiesen, ja sie zum beherrschenden g.istigen Mittelpunkt der Andacht gemacht. Indem er, nach den berühmten Vorbildern von Iellinek und Holdheim, die ewigen Wahrheiten unserer Bibel und rabbinische Lebensweisheit mit den religiösen Fragen unserer Zeit überraschend geistvoll in Beziehung setzte und den immer bedeutenden gedanklichen Kern in ein aus Klarheit, Geschmeidigkeit, Adel und Poesie der Sprache gewobenes Gewand kleidete, hat er mustergiltige jüdische Kanzelreden geschaffen, die, wie nur wenige, auch dem Leser, nicht nur dem Hörer, einen unerschöpflichen Genuß gewähren. Freilich, nur" der Kenner weiß zu schätzen, wie Maybaum hier den von ihm gründlich erforschten und meisterhaft beherrschten Midrasch ins Moderne umgebildet hat, nur er weiß die Summe gewissenhaftester, peinlichster Kleinarbeit zu würdigen, die in diesen predigten enthalten' ist. Klassische predigten kann man eben nicht aus dem Aermel schütteln; was man aus dein Aermel schüttelt, sagt Joel, ein wahrer Klassiker der jüdischen predigt, ist Staub. wie auf die öffentliche Andacht, so hat Maybaum auf die häusliche jederzeit großen wert gelegt; er hat u. a., um die schöne Seder-Feier jedem jüdischen Hause zu erhalten, eine Haggada in geschmackvoller Uebersetzung herausgegeben. Die religiöse Erziehung der Jugend ist ihm, wie allen, denen die Zukunft des Judentums am Kerzen liegt, eine der wichtigsten Aufgaben, was er in seiner „Methodik des jüdischen Religionsunterrichtes" ' theoretisch ausemandersetzt, das hat er oft genug in der Praxis erprobt. Und nicht etwa nur die religiöse Belehrung der Knaben und eine würdige Ausgestaltung ihrer „Barmizwo-Feier" hat er sich angelegen sein lassen — er war ein unermüdlicher und am Ende auch erfolgreicher Vorkämpfer der jüdischen Mädch e n k o n f i r m a t i o n. Mit der liebevollsten Eingabe hat sich Maybaum dem Unterricht an der „Lehranstalt für die Wissenschaft des 'Judentums" gewidmet. An der „Hochschule", als die sie gedacht war, konnte er einer heranreifenden Generation von Rabbinern, und mehr als einer, Lehrer und Führer in praktischer Theologie