Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 4 (April 1914)
- Date
- 1914-04-01
- Page
- Seite 85 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Goldwann: Taufzudentum und Antisemitismus 85 nichts, als daß der Staat die Iudenkinder ohne Rücksicht auf ihre und ihrer Litern Ueberzeugung mit Gewalt taufen lasse, damit sie nicht im Unglauben aufwachsen! Diesem Renegaten, bei dem der beständige Schrei nach Staatsanwalt und Zuchthaus, sobald ein -Gegner sich erdreistete, seinen Anschauungen oder gar seiner hirnverbrannten .Bibelexegese entgegenzutreten, charakteristisch ist, hat seine Zeit bescheinigt, daß er nichts wie ein gemeiner Ueberläufer war, der den Abfall beschönigen wollte, wenn dieser Taufjude im Jargon unserer Antisemitenpresse von „Uebergriffen des frechen Judentums" redete, wenn er gegen die Juden unsinnige Beschimpfungen schleuderte, wenn .er sie die auszurottenden Feinde der Harmonie zwischen Christentum und Staat nannte, so mag er selbst verständigen, Christen lächerlich erscheinen. Sein eeterum eenseo: „C hristlicher Staat" aber mahnt uns daran, daß er bei aller persönlichen Unwich- .tigkeit Fleisch ist vom Fleische Stahls, daß aus ihm dessen Lehre spricht, und daß es dieses Taufjuden Geist ist, der Preußen und Deutschland noch immer regiert und den grimmen und gefährlichen Judenhaß der regierenden Schichten der Bevölkerung mit erregt und verstärkt hat.*) *) Diesem Kapitel sei eine charakteristische Mitteilung, die Philippsvn aus dem polnischen -Aufstande von 1830/31 gibt, angesügt. Die Polen hatten damals den Fehler gemacht, die Juden zurückzuweisen, und besonders scharf vertrat den antisemitischen Standpunkt der erbitterte Judenfeind, der Geschichtsschreiber Joachim Le lewe l. Selbst .als alle anderen sich zu einer milden Auffassung der Judenfrage und zur Forderung der Emanzipation durchgerungen hatten, blieb L e l e w e l ein prinzipieller Gegner'. Erst dann wurde ihm der Mund gestopft, als der Major Beniowski im Verlaufe eines litterarischen Streites nachwies, daß. L e l e w e l nichts fei wie ein Renegat, der durch Beschimpfung der Juden vergessen machen wollte, daß er selber aus ihrer Geineinschaft stammte. In demselben antisemitischen Sinne betätigte sich in Polen zu derselben Zeit ein anderer Täufling -namens Klaczko. Air Ankunft. vorliegende Zeilen machen, wie nochmals betont fei, nicht den Anspruch darauf, eine wissenschaftlich genaue oder auch nur annähernd erschöpfende Darstellung des Taufjüdentums und seiner unendlichen Reihe von Verbrechen gegen das Judentum zu geben. Ls ist nur von der Oberfläche des Ressels mit seinem übel duftenden Inhalt geschöpft worden. Wer tiefer hineingreifen und eine wirklich wissenschaftliche Geschichte Taufjudentums schreiben will, dem werden in den Quellen der jüdischen Geschichte noch so viele Namen von boshaften und verbrecherisch gesinnten Täuflingen, noch so viele ihrer Werke begegnen, daß er vielleicht Bände damit füllen kann. Und das ist nur das tatsächlich Nachweisbare! wer weiß, wie viele nicht überlieferte Dramen von erschütternder Tragik sich abgespielt haben, bei denen Täuflinge ihre früheren Brüder in Not und Llend und Tod gestürzt haben! Wieviel Schmach und Schande, wieviel Leid und Unglück mögen sie auf dem Gewissen haben, wovon keine Chronik, kein Geschichtsbuch erzählt! Wieviele Seufzer aus gequälten Iudenherzen mögen ungehört für ewig in der kalten Welt verklungen sein! Die Zeiten sind andere geworden, und doch sind sie dieselben geblieben. Mild erhaben sie sich gestaltet in ihren Ausdrucksformen, aber gleich sind sie geblieben in den Gesinnungen der Taufjuden. Man naht uns gewiß nicht mehr mit Scheiterhaufen, Folter und Schwert. Aber auch wir sind feinfühliger und empfindsamer geworden, und die Nadelstiche von heute, die uns die kleinlichen Quälereien und Gehässigkeiten getaufter Lehrer, Richter und Offiziere, überhaupt aller Renegaten, dje dazu die Macht haben, und mit denen uns das öffentliche Leben zu unserem Bedauern leider stets wieder in Berührung bringt, versetzen, treffen uns genau so empfindlich, ja