Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 4 (April 1914)
- Date
- 1914-04-01
- Page
- Seite 80 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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80 Mas Wiener: Jüdische Arnkrr des Mittelalters Wesenheit zukommt, und um den göttliche Vorsehung sich sorgt, sondern das vernünftige Geistwesen, das nur in dem Grade eigentliche Realität besitzt, als es im ernstlichen Kampf um die Wahrheit eine solide Erkenntnis des Seienden erringt. Zu welchen Konsequenzen diese Gedankenreihe führte, das zeigt recht charakteristisch die Lehre des Maimonides von der Unsterblichkeit. Daß er alle sinnlich phantastische Ausschmückung des jenseitigen Lebens von vornherein ablehnt, ist bei seiner Geistesart selbstverständlich. Wenn er aber nur der Seele Unvergänglichkeit beizulegen vermag, so weit die wahren Ideen in ihr eine Heimat gefunden, so werden wir darin nicht bloß eine ungeheuerliche Ueberspannung der intellektualistischen Lebensrichtung erblicken, sondern uns auch fragen müssen, wie dann noch irgend welche Individualität übrigbleibt. Die Existenz des Geistes erscheint hier völlig eins mit der Existenz des Wahren, was er erkennt. Die gleiche Grundanschauung leuchtet aus seiner Auffassung der wichtigsten Lehrstücke der jüdischen Religion entgegen: Die religiöse Wahrheit ist von den Propheten offenbart worden, was ist ein Prophet? — Maimonides ist wohl der erste Theologe, der das Erlebnis, wie es sich in der Seele des Propheten abspielt, aus psychologischen Voraussetzungen zu erklären sucht: Im Propheten entfaltet sich das menschliche Wesen zu seiner Blüte, indem die Wirksamkeit der tätigen Vernunft sich die ganze Seele unterwirft und dem von ihr Geleiteten die Wahrheit in ihrer unmittelbaren Leuchtkraft zeigt. Traumbilder, Visionen, , symbolische Handlungen, sie sind alle innerliche Vorgänge. , Diese Dinge haben für uns nur ein Interesse, weil sie als Ausstrahlungen eines mit Konsequenz festgehaltenen Grundprinzips erscheinen. Daß sich dieses auch fruchtbarer zu erweisen vermochte, das können wir aus der recht bedeutsamen Theorie über die- Gründe des Zeremonialgesetzes ersehen. Maimonides weist jegliche geheimnisvolle mystische Motivierung ab. Jene Gebote gelten ihm grundsätzlich als Wege, die uns zu sittlicher Vollkommenheit führen sollen. Er erkennt, daß ein großer Teil des mosaischen Gesetzes, vor allem die so minutiösen Vorschriften über Opfer, allein der Absicht entspringt, eine scharfe Grenzlinie gegen das Heidentum aufzurichten, sieht in den kultischen. Weisungen die Mittel zur Erziehung des Volkes für den Dienst des einen geistigen Gottes. Die Tatsache einer Offenbarung wird nicht angetastet, Möglichkeit und Wirklichkeit von Wundern niemals bestritten, im Gegensätze zum aristotelischen Vorbild; aber freilich, indem die täüge Vernunft als ein metaphysisches Weltprinzip eingeführt ist, das zwischen Gott und der irdischen Welt vermittelt, ist das Wunder — bei Licht besehen — eigentlich des Charakters entkleidet,, ein unheimlicher Gast aus einer fremden Welt zu sein. Und indem die Erkenntnis des Leienden in begnadeten Menschen ein klares Bild von der Natur der Dinge erzeugt, wird die Welt arm an dunklen Geheimnissen. Es würde ein nüchterner, allzu kühler Geist diese Weltbetrachtung durchwehen, wenn nicht der Mensch selber, der Trägeraller Erkenntnis, das Subjekt des Wissens, schließlich in einem Halbdunkel verschwände. Indem sein Wesen durch die Vermählung mit der tätigen Vernunft auf die schmale Brücke tritt, die zu dem geheimnisvollen ganz und gar unerkennbaren Gott führte ergreift das Göttliche von der Seele des Sterblichen Besitz; in diesem Leben schon,, geschweige denn erst 'in einem künftigen, wo das Ewige im Menschen zur Substanz der Wahrheit selber wird. Der vernünftige Geist gelangt am Ende des Weges, den ihm seine