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Liberales Judentum · 1914-04-01 · Heft 4 (April 1914) · p. Seite 79

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 4 (April 1914)
Date
1914-04-01
Page
Seite 79 (sequence 11)
Language
German
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o o o o 79 Mas Wiener: Jüdische Aenker des Mittelalters kichung rein zu halten. Was die Bibel begonnen hatte, die Geistigkeit und Unvergleichbarkeit Gottes den Menschen einzuprägen, das wurde jetzt durch das Mittel begrifflichen Denkens vollendet. Seine Natur wurde aller phantastischen Spekulation entrückt, seine Existenz stand dem Denken fest, freilich auch mur eine Existenz, die von dem Dasein der Kreatur sich grundsätzlich, scheidet. Maimdnides widmet das ganze erste Buch seines „Führers der verirrten" dem Nachweis, daß die Sprechweise der Bibel, die Gott unbefangen alle möglichen körperlichen und geistigen Attribute beilegt, uneigentlich zu verstehen ist. Was sich von ihm in Wahrheit Aussagen läßt, ist lediglich das, daß er über Jedwede Unvollkommenheit erhaben ist. In welchem Verhältnis steht nun dieser Gott, von dem wir nichts wissen, zu seinen Geschöpfen? — Hier taucht zuerst die Frage ^luf, ob denn überhaupt die Welt einem in der Zeit vollzogenen Schöpfungsakt ihr Dasein dankt, oder ob sie ewig ist. — Ewigkeit — oder Erschaffenheit des Daseins war eine Frage, in deren Lösung die arabischen Aristoteliker uneins waren. Die Konsequenz des Gedankens heischte offenbar die Unerschaffenheit des Universums; denn das Seiende strömt aus der Ueberfülle der Gottheit hervor; das ist ein Prozeß, so ewig und unwandelbar, wie das Wesen des göttlichen Reichtums selbst. Diese Theorie von der Emanation, zu welcher die islamischen Denker nach dem Vorgänge der Neuplatoniker die aristotelische Lehre umgebogen hatten, mußte dem unbefangenen Geiste als unverträglich mit der biblischen Schöpfungslehre erscheinen. Gleichwohl zieht Maimonides diese Konsequenz nicht; aber wie er -ausdrücklich bemerkt, nicht aus Gründen der religiösen Dogmatik, — denn die Schriftstellen scheinen ihm durchaus nicht die Auslegung im Sinne der Weltewigkeit zu verbieten, — sondern aus dem philosophischen Motiv heraus, daß keine zweifellos einleuch-' tenden Argumente für die Ewigkeit sprechen. In der Tat liegt für ihn hier wohl ein Non liquet vor. Diese theoretische Frage konnte immerhin unbeantwortet bleiben, nicht aber die praktische: das Problem der Beziehung Gottes zum Schicksal feiner Geschöpfe, die Frage nach der Vorsehung. Dem fernen Gotte des Aristoteles, der ja nur als der Urquell aller lebenwirkenden Bewegung gelten will, brauchte die Gattung Mensch nicht mehr zu bedeuten als alle sonstigen Geschlechter des Geschaffenen überhaupt. So ist wirklich nach ihm eine Einwirkung der göttlichen Leitung auf die Geschicke auch der menschlichen Individuen ausgeschlossen. Hier konnte kein religiöser Denker dem antiken Weisen folgen. Maimonides macht sich auch keiner Inkonsequenz schuldig, wenn er auf das menschliche Individuum den göttlichen Geist einströmen läßt. Die Lehre von der „tätigen Vernunft" liefert ihm bier eine geschickt benutzte Handhabe. Jene von Gott ausgehende Intelligenz teilt sich den Menschen in mehr oder minder reicher Fülle mit. Je nach ihrer Fähigkeit, die niederen sinnlichen Seelenkräfte zu überwinden, und in der Hingabe an das Reich der reinen Gedanken ihr Genüge zu sinden, werden die Geister der Menschen von jener überirdischen Vernunft überflutet. So ist zwischen Mensch und Gott eine Brücke geschlagen; das Höchste der irdischen Geschöpfe der unumschränkten Herrschaft des starren Naturgesetzes entrückt und der Fürsorge der heiligen Gottheit anvertraut. Durch die Freiheit des Willens können die allein auf das Sinnliche eingestellten Seelenvermögen bezwungen werden, wodurch die Bahn für das reine vernünftige Denken frei wird. So rückt der Schwerpunkt des Schicksals in die Sphäre der menschlichen Selbstbestimmung. Es ist freilich nicht — wie wir leicht sehen —, der sinnlich - natürliche Mensch, dem wahre

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