Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 4 (April 1914)
- Date
- 1914-04-01
- Page
- Seite 78 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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78 MaL Wiener: Jüdische Aenker des Mittelalters Das Leben der Juden jener Zeiten war gar nicht luftdicht abgeschlossen gegen Denken und Fühlen, das die Kräfte fremder Völker und religiöser Gemeinschaften erfüllte. Za, man darf sagen, daß ihre führenden Geister dein Ginstrom fremder Ideen sich vielleicht niemals bereitwilliger hingegeben haben. Mit vollen: Bewußtsein erstrebte man die Verschmelzung der jüdischen Gedankenwelt mH dem allgenreinen Kulturgehalt, wie er sich in den erlesensten Persönlichkeiten außerhalb Israels offenbarte. Der Fanatismus des Glaubens, der ganz gewiß eine dauernde Begleiterscheinung mittelalterlicher Religiosität gewesen, verhinderte nicht das Gmporkommen einer Art von einheitlicher Weltanschauung. Zu ihr verhielten sich die drei großen nronotheistischen Religionen wie die Aeste einesBaumeszu seinem Stamm. Aristoteles, oder, was wenigstens die gelehrten arabischen Denker für seine Weltansicht hielten, war der große Lehrer, dem Juden und Christen und Mohammedaner nicht weniger gläubig vertrauten als den Meistern ihrer Religion. Wohl wurden dann und wann auch religiöse Bedenken gegen den antiken Weisen laut, aber das Werk des Griechen blieb doch das Fundament, auf dem die Pfeiler der religiösen Weltanschauung sich erhoben. Die weltgeschichtliche Bedeutung des Maimonides beruht darin, daß er die aristotelische Lehre, die längst schon im Geiste der gelehrten Juden Wurzel geschlagen hatte, mit der religiösen Anschauung zu einem festen System verwob. Bei der Rolle, die sie im Geistesleben jener Tage spielte, verlohnt es sich, ihrer: Grundriß mit ein paar Stricher: zu zeichnen. Auch dem Heiden ist Gott der Ausgangspunkt alles Seins und Geschehens. Freilich ist es nicht der Gott, der seine Natur in seinem sittlichen Gesetz offenbart, sondern er ist metaphysisches Weltprinzip, der ÜZuellpunkt aller Bewegung. Mit der Welt, der uns unmittelbar, berührenden Wirklichkeit, steht er in einer höchst verwickelten Beziehung; dem: zwischen ihm und dem Sein, das auf dieser Erde lebt, sind vermittelnde Welten eingeschoben, die himmlischen Sphä- .ren, welche sich um unsere irdische Sphäre lagern, so daß die Wirkung des Göttlichen erst durch jene Medien hindurch sich geltend macht. Aber die himmlischen Sphären sind nicht starre iote Welten, sondern werden von Geistwesen beherrscht und geleitet, die je nach ihrer Distanz vom Göttlichen größere oder geringere Vernünftigkeit bewähren. Der letzte — zehnte — dieser Sphärengeister ist die tätige Vernunft, das Prinzip des Lebens und des Geistes für die Welt unter dem.Monde. Indem sie auf das menschliche Bewußtsein einströmt, wird die Vernünftigkeit unseres Geistes, die zuvor nur als verborgener Keim in uns schlummert, zu wirklichem Leben geweckt. Der Mensch gewinnt so einen Anteil am göttlichen Geist, der ihn über die engen Grenzen seiner Kreatürlichkeit hinausführt und durch die Erkenntnis des Wahren und Lwigen mit Unvergänglichkeit beschenkt. Dieses — uns gewiß, recht phantastisch anmutende — Weltsystem gehört zum eisernen Bestände der mittelalterlichen von Aristoteles und ^>en Neuplatonikern. geleiteten Denker. Für uns fragt es sich, wie Maimonides diesem Schema jüdischen Geist einzuhauchen verstand. Leicht war das nicht; denn man könnte meinen, daß hier an die Stelle des Monotheismus eine Mythologie gesetzt ist, kaum weniger bunt und glitzernd als die des heidnischen Götterhimmels, welche die biblische Religion so bekämpfte. Und doch bot diese Lehre die Möglichkeit, Grundgedanken des jüdischen Glaubens in eine Form zu gießen, die damals allein als wissenschaftlich galt. Indem Gott in unermeßlichem Abstand über dem Irdischen thront, ward der Weg gezeigt, sein Wesen von aller vermensch-