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Liberales Judentum · 1914-04-01 · Heft 4 (April 1914) · p. Seite 77

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 4 (April 1914)
Date
1914-04-01
Page
Seite 77 (sequence 9)
Language
German
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Max Wiener: Jüdische Arnkrr des Mittelalters 77 schreibt. Der warme Ls erzton dringt überall hervor, man merkt es auf Schritt und Tritt, daß die Wissenschaftlichkeit den Verfasser nicht über die Sache stellt, so daß er ihr kühl als einem Objekt gelehrter Forschung gegenüberstünde, sonderndaß er an dem Thema mit dem Kerzen beteiligt ist, daß in diesem Buch ein Stück seines Lebens steckt, und daß er die Ueberzeugung verbreiten will, daß die Angelegenheiten des Gottesdienstes Lebensfragen für den Fortbestand der Glaubensgenreinschaft sind. Seine wissenschaftliche Vorsicht hält ihn von gewagten Hypothesen fern, die bei einem Gegenstände bei dem so vieles im Dunkel der frühen quellenlosen Geschichte verschwimmt, sich leicht aufdrängen. Gr bekennt lieber, daß man dies oder jenes nicht oder noch nicht weiß, als daß er Hypothesen aufstellt, die im Bewußtsein des Ungelehrten alsbald zu Wahrheiten sich umformen. Denn das Werk soll auch ein Buch für die Laien sein, wer immer für jüdische Fragen Verständnis und Interesse hat, soll aus ihm lernen und in ihm Aufschluß über den Gottesdienst finden. Und daß es fleißig gelesen werde und so seinen wohltuenden Einfluß auf die Gestaltung unserer Gegenwart und Zukunft ausübe, das ist der warme Wunsch, den wir dem Buche, das mit seinen grundlegenden Forschungsergebnissen und seiner prägnanten Darstellungsart ein Musterwerk ist, freudig auf den Weg mitgeben. Jüdifche Denker des ITliftelalters.*1 Von JTlax Wiener-Stettin. V. Dieweltbetrachtung des Maimonides. Die Wirkung einer Persönlichkeit auf Mit- und Nachwelt ist zum guten Teil davon bedingt, daß in ihrem Werke die schwebenden und tastenden Gedanken und Stimmungen ihrer Zeit klare Ausprägung finden. Das ist auch das Geheimnis der Größe des Maimonides. Unsere Skizze über Zehuda Ha-Levi sollte zeigen, daß das intellektualiftische Lebensgefühl, das das Eigentümliche des religiösen Sinnes verkannte und Frömmigkeit letzten Endes im richtigen Denken verankerte, den jüdischen Geist denn doch nicht allein beherrschte; daß ihm nicht jegliches Verständnis dafür abging, in der Offenbarung des Göttlichen ein Erlebnis von ganz besonderer Art zu erfassen. Doch die ge- *) Siehe Jahrgang 4, Hefte 4, 5, 8 und Jahrgang 5> Heft 8. (Schlufj.) schichtliche Betrachtung lehrt, daß Zehuda ha-Levis Bekenntnis zur Religion seines Stammes eben nur eine Auflehnung gegen die übermächtige Gewalt jenes Grundgedankens war, der die Religion in die vernnnfterkenntnis auflöste. Diese prinzipielle Richtung, die Hauptströmung im jüdischen Geistesleben des Mittelalters, führt Maimonides zum letzten Ziel, was wir an seiner Arbeit bewundern, ist nicht bloß die verblüffende vielseittgkeit seines Geistes, die ihm, dem größten Philosophen des mittelalterlichen Judentums, die unbestrittene Autorität des bedeutendsten Gesetzeslehrers eintrug, — sondern vor allem auch die Einheit und Geschlossenheit seines Denkens. Er ist einer der wenigen systematischen Denker großen Stils, die der jüdische Stamm geboren hat; seine Arbeit ein scharfes Bild des jüdischen Geistes, wie er, befruchtet durch seine Vermählung mit der Weltkultur, die höchste Höhe erklommen hat, die ihm im Mittelalter beschieden war.

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