Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 4 (April 1914)
- Date
- 1914-04-01
- Page
- Seite 75 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Mirnrmann: „Das Auch vom jüdischen Gottesdienst" 75 waren, erfüllten die piutim ihren Zweck vollauf, man durfte nur nicht, wie es später geschah, absolute Werte daraus machen. Sie redeten zu jeder Zeit in ihrer Sprache, in ihren Anschauungen, sie waren die Dolmetscher der Empfindungen und Gedanken der unmittelbaren Gegenwart und boten dadurch ein Gegengewicht gegen die durch die Tradition festgelegte Masse der Stammgebete." Treffend wird nunmehr der Einfluß der Mystik gezeichnet, wie ein anfänglich wertvolles zur Verinnerlichung und zur Vertiefung der Andacht führendes Motiv schließlich in seiner Verzerrung ausartet. Aus dem Ueberschwang der Mystik stammt die ungesunde Häufung gleichbedeutender und gleichklingender Worte. Das Gebet wird zu einem Werkzeug zur gewaltsamen bserbeiziehung wunderbarer Wirkungen, zu einem Mittel der Einwirkung auf die überweltlichen Sphären, und diese Einwirkung soll zustande kommen durch das Achthaben auf die angeblich in dem Wortlaut des Gebetes verborgenen Geheimnisse. Und es begreift sich, daß man auf Grund dieser Anschauungen, die ihren bestimmenden Einfluß noch in der Zeit ausübten, da die Einfügung der Juden in die Rulturgemeinschaft der modernen Völker sich vollzog, die ganze nunmehr vorliegende Textgestalt der Gebete als „hochheilig" ansah und in jeder Aenderung eine Zerstörung der Lseilswirkung erblickte. Der Ausgang dieser Epoche zeigt alle Merkmale der Entartung. Stücke von erhabenem Charakter und tiefer Frömmigkeit sind durch allzu häufige Verwendung abgeschwächt. „Die Gebete sind lang, vom ersten "bis zum letzten Wort festgelegt, Bräuche, die für anders Zeiten und andere Umgebungen bestimmt waren, werden mit peinlichster Genauigkeit als strenge Vorschriften befolgt; die Belehrung ist fortgefallen, die Schriftverlesung durch die dabei eingerissenen Mißbräuche entartet, der piut, der einst belehren wollte, beherrscht, obwohl nicht mehr verstanden, den Gottesdienst." Die Ueberschätzung des Brauches hat alle Bewegungsfreiheit gehemmt, der Brauch war zum Mißbrauch geworden. Mangel an Andacht und Aufmerksamkeit stellt sich ein und raubt dem Gottesdienst seinen Schmuck und seine Seele, hierin Wandel zu schaffen, war die Aufgabe der Neuzeit. Wie in ihr diese Aufgabe zu lösen versucht wurde, schildert der Verfasser im Fortgang seiner Darstellung. Und es war vielleicht das Schwierigste, hier die notwendige Objektivität zu wahren. Er vermeidet es glücklich, auf die ermüdende und verwirrende Fülle aller Rümpfe um die Lösung des Problems einzugehen, klar und fest Umrissen treten die einzelnen Phasen der Entwicklung, die Ereignisse, die bestimmend auf den Gang der Geschichte einwirkten, und die wesentlichen Gesichtspunkte der Parteien vor Augen. Wirsehen, wie es am Beginn der Neuzeit der wesentliche Gedanke ist, eine ästhetischere Form des Gottesdienstes zu erzeugen und ihn im allgemeinen mit dem neu erworbenen deutschen Rulturempfinden in Linklang zu bringen; wie die Bewegung dann weiter dazu fortschreitet, die Textgestalt der Gebete innerlich in Einklang mit inzwischen geänderten theologischen Anschauungen zu bringen, damit das Gebet ein wahrhaftes und ehrliches Abbild der Frömmigkeit Israels fei. Wir erfahren aufs Neue, welche Fehler hier auf allen Seiten gemacht worden sind. Es ist für die ganze Entwicklung ein Unglück gewesen, daß sich in den entscheidenden Momenten der konservativ gerichtete Teil der deutschen Juden den notwendigen Anforderungen einer neuen Zeit verschloß, „hätten," so führt der Verfasser in der Geschichte des Hamburger Tempels aus, „die Rabbiner, wie einsichtige Anhänger des Alten befürworteten, sich der neuen Bewegung bemächtigt, hätten sie auf die Reformer einzuwirken