Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 4 (April 1914)
- Date
- 1914-04-01
- Page
- Seite 74 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Ar. Airnrmann: „Aas Such vom Mischen Gottesdienst" man, fängt man erst an auszuwählen, in Versuchung käme, das halbe Buch auszuschreiben. Den Lesern dieser Blätter dürfte am besten mit einer knappen Wiedergabe des Gedankenganges des Teiles gedient sein, der die Geschichte des jüdischen Gottesdienstes zusammenfassend darstellt. Der Verfasser weist zunächst auf die weltgeschichtliche Bedeutung des jüdischen Gebet-Gottesdienstes überhaupt hin, daß „es das erste Mal in der Geschichte der Menschheit war, daß regelmäßige gottesdienstliche Versammlungen an Stätten gehalten wurden, die keine andere weihe hatten als diejenige, welche die Vereinigungen der Gläubigen ihr gaben, es war ein Gottesdienst, der sich von den bis dahin bei allen Völkern üblichen Bräuchen befreite, auf alle materiellen Beigaben, wie Opfer und sonstige Darbietungen, auf die Vertretung durch Priester verzichtete und den Menschen mit seinem Gemütsleben in den Mittelpunkt der Gottesverehrung stellte." wir werden zu den ersten Anfängen des Gemeindegebetes im Exil und in der nacherilischen Epoche hingeführt, in der der Typus der Stammgebete geprägt und die Grundform des Ablaufes des Gottesdienstes sich herausbildete. Der Verfasser geht dann dazu über, die Entwicklungsstufen der Zeit der Mischnah zu charakterisieren, in der die Teilnahme des Einzelnen am Gebete stärker hervorzutreten beginnt, und in der die Richtung der pharisäischen Frömmigkeit auf die Entfaltung der persönlichen Religiosität hinzielte und der religiöse Individualismus dank der Verbreitung und Vertiefung des Gebetes einen vollständigen Sieg errang. Der Gottesdienst jener Zeit ist kurz, die einzelnen Gebete gleichfalls kurz und geben den Gedanken, dem sie Ausdruck verleihen wollen, knapp und in einfacher, schlichter Sprache ohne worthäufungen und Weitschweifigkeiten wieder. Es kommt dann die talmudische Zeit, in der man danach strebt, allgemein gültige Ordnungen der Gebeto einzuführen. Die Betweise einzelner berühmter Männer, "in der sich ihre persönliche Frömmigkeit widerspiegelte, wird zur Verpflichtung für' alle erhoben, und der Umfang des Gebetes steigt, war bis dahin, der Gestaltungskraft des vorbetenden noch ein freier Spielraum gelassen und der Texk flüssig, so wird er jetzt in festere Form gegossen, ein bestimmter Wortlaut fängt an,, verbindlich zu werden. Gegen Ende dev Epoche setzt die Erweiterung und Ausschmükkung der Stammgebete ein, bei der allerdings mit der Erweiterung ein Fortschritt der Gedanken nicht mehr erzielt wird. Dev Gottesdienst erfährt alsdann in den nächsten Jahrhunderten eine charakteristische Bereicherung durch den „piut", die Dichtungen^ die zu dem Gefüge der Stammgebete hinzutreten. Reizvoll wird geschildert, wie sich diese Form der religiösen Ausdrucksweise nach mancherlei Kämpfen zur Herrschaft durchringt, wie die Kraft der Dichter an ihrem Stoff und ihrer Aufgabe wächst. Wir von. heut stehen dem piut nicht mit ungeteiltem Wohlwollen gegenüber, wir denken zu oft daran, daß gerade er dem Gottesdienst dielange Dauer und Ueberfülle verliehen hat^ daß er in seiner nicht immer ungekünstelten Sprache dem Verständnis herbe Schwierigkeiten entgegengesetzt hat. Aber dieses Urteil — soviel Richtigkeit in ihm sein mag — ist ein einseitiges. Es wird der geschichtlichen Bedeutung dieser Gebetart nicht gerecht. Da sie nach der Festlegung des- Wortlautes der Stammgebete dasjenige Element des Gottesdienstes war, bei dem keino Bindung vorlag, das in das Belieben dev Gemeinde gestellt war, und "dessen Wortlaut ganz dem Vorbeter überlassen blieb, so hob sie den Gottesdienst über die Eintönigkeit und Gleichförmigkeit hinaus und gab ihm Abwechselung und Beweglichkeit. „Für die Zeiten und die Kulturkreise, für die sie bestimmt