Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 4 (April 1914)
- Date
- 1914-04-01
- Page
- Seite 73 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Dienemann: „Das Buch vom jüdischen Gottesdienst" 73 'genommen hat, rollt sich vor uns ab. Davon reiht sich ein Kapitel, das die s-ynagogale Poesie zum Thema^ hat, das Wesentliche und Wissenswerte über diesen Zweig des Gottesdienstes wird gegeben. Der Verfasser hat es mit Geschick vermieden, in Einzelheiten sich zu verlieren, die Darstellung wäre sonst ins Uferlose geraten und als eine Aneinanderreihung literarhistorischer Notizen unlesbar geworden. Bei den behandelten Themen, das verdient mit besonderem Nachdruck gerade hier betont zu werden, verfolgt der Verfasser seinen Gegenstand bis in die unmittelbare Gegenwart. Er macht nicht etwa bei dem Gebetbuche und den gottesdienstlichen Einrichtungen, wie sie vor dem Einsetzen der Reformbewegungen sich darboten, halt, sondern er läßt der Neuzeit und ihren Bestrebungen bis hin zu den Gebetbüchern der Berliner Reformgemeinde und der amerikanischen Gemeinden weitgehende Berücksichtigung zuteil werden, „weil in ihr nach einer langen Periode des Süllstands zum ersten Male seit mehr als tausend Jahren der versuch zu einer wirklichen Entwicklung und Neugestaltung, zur Erzeugung geschichtlichen Lebens vorliegt." In all dem Voraufgegangenen war eine „Beschreibung des jüdischen Gottesdienstes" gegeben, auch etwas, das bisher nirgends zu finden war. Wo konnte z. B. ein Nichtjude irgend etwas über den Gang des jüdischen Gottesdienstes, seine Organisation und über die Wertung, die das Judentum selbst den einzelnen Teilen zumißt, erfahren? Der Beschreibung der Einzelheiten läßt der Verfasser sodann eine zusammenfassende Geschichte des jüdischen Gottesdienstes folgen, in der die einzelnen Phasen der Entwicklung plastisch vor Augen treten; die Zeit, in der die Stammgebete ihre Fassung fanden, die Zeit der Erweiterung d er Grund g eb ete, die Zeit der piutim werden geschildert, und immer wird herausgehvben, was das Charakteristische einer jeden Zeit rvar, und in welcher Weise ihre Absichten und Ideen im Gottesdienst ihren Niederschlag fanden. Der Abschnitt klingt aus in einer Schilderung der Neuzeit, die wiederum meisterhaft ist in ihrer prägnanten, straffen und doch alles Wesentliche behandelnden Art. Als dritter Teil kommt dann, auch ein Novum in der Literatur über den synagogalen Gottesdienst, ein Abschnitt über die Organisation des jüdischen Gottesdienstes hinzu, in dem die gottesd i e n st l i ch e n G e b ä u d e, die G e m e i n d e und ihre Beamten und der gottesdienstliche Vortrag ihre Behandlung finden. In diesem letzten Kapitel erfährt auch die Grgelfrage ihre Würdigung, und es ist wohltuend wie der Verfasser in Ueberstimmung mit allen nicht von der Parteileidenschaft verblendeten dieser Frage, die in Deutschland zu einem Schibboleth der Parteien geworden ist, die wirkliche Bedeutung, oder richüger die Bedeutungslosigkeit — als Gegenstand religiöser Parteiung — zumißt. „Sie wurde als ein tätlicher Angriff gegen das überlieferte Judentum, als eine Zerstörung des Wesens des jüdischen Gottesdienstes aufgefaßt, und obwohl der Kampf nunmehr nahezu ein Jahrhundert dauert, hat er an Schärfe nicht verloren. So erhielt die Mrgel eine Bedeutung, die ihr nicht zukommt; aus einer Maßnahme, die rmr vom Standpunkte der Aesthetik und der 'Zweckmäßigkeit zu beurteilen ist, wurde sie eine Frage des Parteiprogramms, ein Streitobjekt der sich bekämpfenden religiösen Richtungen." Einzelheiten der wissenschaftlichen Ergebnisse anzuführen, würde den Rahmen dieser Zeitschrift überschreiten, das Buch bietet zudem eine solche Fülle des Interessanten, Wissenswerten und Neuen, daß