Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 3 (März 1914)
- Date
- 1914-03-01
- Page
- Seite 60 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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60 Gotthard Aeutsch: Der Glaube an Hobelspäne v o o o wird sich der rabbinischen Autorität nicht unterwerfen. Diese Gesetzesauslegung wird dadurch sicherlich nicht sympathischer, wenn sie sich in solchen Kleinlichkeiten verliert, wie wir sie in den Werken der rabbinischen Autoren des \7. Jahrhunderts, der sogenannten „Achäronim" finden. Typisch in dieser Beziehung ist ein heftiger streit über die Frage, wann die gebrochene Schwinge einer Gans das Fleisch „trepha" macht, die wir in dem Werke des Bamberger Rabbiners Samuel Halevi (gest. H68\) finden.433) Sn diesem, wie in ähnlichen Fällen werfen sich die Disputanten Unwissenheit, Eigensinn, blinden Autoritätsglauben oor,139) und am Ende handelt es sich bei alledem um den im Talmud sprichwörtlich für Kaisers Bart gebrauchten, inzwischen allerdings aktuell gewordenen „Turm, der schwebt in der £uft".440) Am amüsantesten sind die langen Diskussionen über solche Fragen, wie ob man einen gewissen Hymnus4") vor oder nach dem ersten Verse der Torah singen solle. Sn einem Falle kam es .darüber zu einem förmlichen Krawall in der Synagoge zu Metz und zu einem dauernden Bruche zwischen Rabbiner und Gemeinde,443) \766. Sn einem anderen Falle hatten zwei Synagogen in Venedig darüber einen Streit, und Rabbi Ephraim Kohen in Altofen, der die Frage zu entscheiden hatte, ebenfalls ein Typus des Legalismus des \7. Sahrhunderts gibt erst vier gewichtige Gründe für die Abschaffung des bestehenden Usus, um gleich darauf zu dem Schluffe zu kommen, daß ein Usus überhaupt nicht abgeschafft werden dürfe?43) Darin liegt das Typische der rabbinischen Gesetzeslehre von den ältesten444) bis auf die jüngsten Zeiten. *38) Scheeloth uteschuwoth Nachlath schitvah, Nr. 61. 439) Emunath Schemuel, Nr. 45. 14°) Chagigah, 15, b. 444) Akdamuth am ersten Tage des Pfingstfestes. 442) Revue des Etudes Juives, XII, 297. 143) Schaar Ephraim, Nr. 10. 444) Bezah, 5, a. Das erste und letzte Prinzip ist, daß die 7lutorität der Vergangenheit nicht erschüttert werden . dürfe. Sn diesem Zusammenhänge möchte ich ein Stück Folklore anführen, das gerade wegen seiner Naivetät zeigt, wie das Volk, ohne dagegen direkt sich aufzulehnen, das Lächerliche dieses blinden Autoritätsglaubens empfand. Sn der Gemeinde pohrlitz in Mähren bestand die Sitte, für Purim einen Scherzrabbiner zu ernennen, der natürlich ein notorischer Sgnorant sein mußte. Am Festabende wurde er nach dem Sitze des Rabbiners geleitet, und der Synagogendiener fragte ihn: „Rabbi, warum steht Thur"9) mit einem großen Theß?" Nach gehöriger Erwägung fragte der Rabbi: „Hat es im vorigen Sahre auch so gestanden?", und auf die bejahende Antwort, entschied er: „Wenn es im vorigen Jahre so gestanden hat, ist es in diesem Sahre auch koscher." Unser Gesetzesproblem liegt freilich tiefer. Auf der Seite, wo man gegenüber historischer Kritik ein leichtes Gewissen hat, werden die Widersprüche im Pentateuch noch immer auf Grund der alten harmonistischen Kunststückchen gelöst. Das wissenschaftlich ernste Gewissen kann sich dabei nicht beruhigen. Wir sehen klar, daß nach einer Bestimmung449) der Zehent alljährlich nach dem Heiligtum gebracht und dort beim Gpfermale verzehrt werden soll, während nach einer anderen Bestimmung44') der Zehnt nur einmal in drei Sahren gegeben und dann an die Armen verteilt werden soll. Eine dritte Bestimmung443) wieder weist ihn den Leviten zu. Wenn der Talmud diese Widersprüche harmonisiert, indem er drei Zehnte herausrechnet, so können .wir darin keine Tradition, sondern nur einen mißlungenen apologetischen versuch sehen. Nicht anders steht 443) Esther, I, 6. 449) Deut., XIV, 22. 444) ib. 28. 443) Num., XVIII, 21.