Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 3 (März 1914)
- Date
- 1914-03-01
- Page
- Seite 54 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3126481-3126546-3126550--1692-3128515- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
54 Gotthard Neutsch: Der Glaube an Hobelspäne o o O o von dem Ochsen, der Schema Iisroel schrie, u.nd von dem Schmetterling, der in die Synagoge flog, weil er den Geist eines verstorbenen Juden inkarniert hatte, in seiner märkischen Heimat am Anfang des 1(9. Jahrhunderts gehört. Das preßburger „Scheweß Achim" erzählte noch 1(873, daß ein Ochs beim schlachten „Oi wei" geschrien habe,88) und noch im Jahre 1(888 gab ein chassidischer Rabbi in der Nähe von Krakau den Auftrag, einen Fisch, der, als er getötet wurde, „ach weih mir" geschrien hatte, in leinenen Gewändern zu begraben.* 8?) Mie weit ist heutzutage selbst der schwärzeste Orthodoxe in Frankfurt a. Nt. oder in Mürzburg von dieser Anschauung entfernt! Nun kommt es darauf freilich nicht in erster Linie an, denn der liberale Jude muß ehrlich genug fein, einzugestehen, daß die velleitäten der rabbinisch-kabbalistischen Anschauung nicht die Hauptfrage des gegenwärtigen Kampfes bilden. Der schon genannte Hillel Lichtenstein, der lehrt, daß ein Rabbiner, welcher in einer Synagoge fungiere, in welcher ein (Knaben-) Chor geduldet werde oder der Almemor nicht in der Mitte sei, ein Gottesleugner fei,88) ist nicht ein Gegner, den es zu bekämpfen lohnt. Mir haben auch kaum mehr mit der Anschauung zu tun, die lehrt, das das alte Israel in jeder Beziehung der Gegenwart überlegen sei, und daß Moses und König Salomo die Buchdruckerkunst gekannt hätten,88) obwohl es immerhin nottut, sich derlei Exzentrizitäten vor Augen zu halten. Die Fundamentalfragen sind die der Zukunft Israels. Die Orthodoxie lehrt, und legt in ihrem Kampfe mit der liberalen Anke) Neuzeit, 1873, 105. s~) Neuzeit, 1888, 199, 262. 88) Teschuwoth beth Hillel. S. 42. S8) David Halevi, Ture Zahub, Joreh Deah, 271, Ezechiel Katzenelnbogen, Rabbi in Altona, gest. 1750, allerdings im Gegensätze zu dem vernünftigen Jair Chajim Bacharach 1634—1702. Keneseth Jecheskel, Nr. 37, Chawoth Jair, Nr. 184. schauung großes Gewicht darauf, daß Israel dereinst in Palästina unter einem erblichen Könige wieder geeinigt sein wird, daß dort die Nachkommen Arons wieder in ihre erblichen Rechte eingesetzt und die im Pentateuch vorgeschriebenen Opfer wieder dargebracht werden werden. Der Kampf um das Gebetbuch und um verschiedene Bestimmungen des Eherechtes dreht sich um diese Fundamentalfrage. Daß diese Gesetze mit den gegenwärtigen Verhältnissen in argem Miderspruch stehen, wird die Orthodoxie kaum leugnen. Ejn Zeitungsbericht88) meldete kürzlich, daß ein Kohen, nebenbei ein notorischer Pferdedieb, in Keidani, Gouvernement Milna, gezwungen war, sich von seiner Frau zu trennen, die in erster Ehe geschieden war. Mohl erklärte er sich bereit, auf alle priesterlichen Rechte zu verzichten, aber der Rabbi wollte davon nichts hören. Endlich zwangen die Söhne des Mannes aus erster Ehe die Stiefmutter durch Drohungen ihren Vater freiwillig zu verlassen. Dieselbe Frau hätte ohne Schwierigkeiten den gegenwärttgen Führer der russischen Orthodoxie, Thajim Solowejczyk, den „Brisker Row", heiraten dürfen, aber gegenüber „Gensele, den Ferdganew" ist sie eine Verworfene. Ich kann mir es nicht anders vorstellen, daß selbst der Orthodoxe darin eine Härte sieht. Trotzdem sagt uns „Der Israelit"8^) ganz neulich, daß die Abschaffung des Segens durch diese sogenannten Priester „einen Bruch mit der Zukunft Israels bedeute, in der die Priester als Vermittler dastehen werden." Als Rabbiner Maybaum in Berlin in einer Versammlung den Priestersegen gesprochen hatte, wurde ihm von orthodoxer Sette88) der Vorwurf gemacht, daß er sich ein ihm nicht zustehendes Recht angemaßt habe, da er kein Kohen sei. May- 88) Vorwärts, New Jork, 20. Juli 1913. 89 1911, Nr. 19. ss) Jüd. Presse, 1905, 440.