Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1914-03-01 · Heft 3 (März 1914) · p. Seite 49

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 3 (März 1914)
Date
1914-03-01
Page
Seite 49 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3126481-3126546-3126550--1687-3128510
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

II Ar. Fritz Wachsner: Zur Uertzrssrrung drs jüdischen Religionsunterrichtes 49 bildet sich ein regelrechtes historisches Verständnis. Wenige Jahre darauf erwacht allmählich die Begeisterung für die schöne Literatur und etwa im sechzehnten der Drang nach selbständiger Reflexion und Produktion. Da unser Schrifttum annähernd die gleiche Entwicklung aufweist, macht seine Anordnung keine großen Schwierigkeiten. Allerdings stehen uns keine Stoffe zur Verfügung, die dem Interesse der ersten Stufe entsprächen. Das aber ist eher ein Vorzug, als ein Nachteil. Die religiöse Unterweisung ist um so fruchtbarer, je enger sie sich an die Erfahrungen des täglichen Lebens anschließt. Nun aber ist der Erfahrungskreis sechsjähriger Rinder noch so gering, daß man gut tut, r>on einem planmäßigen Religionsunterricht in den ersten Schuljahren überhaupt abzufehen, eine Konsequenz, die die maßgebenden christlichen Religionspädagogen bereits gezogen und vielfach in die Praxis umgefeyt haben. Ulan mag die religiöse Gefühlswelt ruhig im Elternhause aufkeimen lassen. Wenn das Rind die Eltern und Geschwister bei ihrer redlichen Arbeit beobachten kann, wenn es sieht, wie der Vater am Feiertag im Festanzug zum Gottesdienst geht, wie die R lütter inzwischen das bsaus festlich herrichtet, wenn sie beide darin wetteifern, im bsause Wahrheit und Gerechtigkeit, draußen Mildtätigkeit und Hilfsbereitschaft walten zu lassen, so hat es für seine religiöse Entwicklung mehr, als ihm in diesen fahren die beste theoretische Unterweisung geben kann. Leider dürfen wir uns nicht verschweigen, daß das vielgerühmte jüdische Familienleben nicht mehr überall so mustergiltig ist, wie wir es verlangen müssen. Unsere Pflicht ist es also, es wieder auf die alte Höhe zu bringen, die es befähigt, der Schule unbewußt die Vorarbeit zu leisten, ohne die jeder Religionsunterricht zwecklos ist. Wenden wir uns nun dem Lehrplane selbst zu, so möchten wir betonen, daß er in der Form, die wir ihm hier geben, keineswegs etwas Neues darstellen soll; gar mancher Lehrer wird längst ganz oder teilweise nach ihm arbeiten. Wir können auf seine Darstellung nicht verzichten, da wir ja das jArblikum zur Mitwirkung bei der Neubelebung unseres Unterrichtes heranzuziehen beabsichtigen. In pädagogischen Dingen gibt es ja keine Laien, jeder Vater und jede Mutter hat das Recht, über dis Arbeit der Schule an den Rindern jederzeit Rechenschaft zu fordern. Wir beginnen also unfern Unterricht erst im dritten Schuljahr und zwar sogleich mit den Stammvätersagen des ersten Buches Mose. Abraham ist der erste Name, der den Rindern entgegentritt. Was vor Abraham liegt, müssen wir einer späteren Besprechung Vorbehalten, da es, wie z. B. die verschiedenen Schöpfungsberichte, für achtjährige Rinder viel zu abstrakt und schwierig, oder, wie die Geschichte vom Sündenfall oder die von Rain und Abel in moralischer Beziehung nicht geeignet ist. Dagegen macht Abrahams kraftvolle und dabei kindlich fromme Persönlichkeit auf die Schüler einen tiefen Eindruck. In gleicher Weise werden Isaak, Jakob und Josef als religiöse (Lharaktere veranschaulicht. Wir bearbeiten also im dritten Schuljahre das erste Buch Mose; allerdings ist weise Auswahl am Platze. Ls ist z. B. selbstverständlich, daß man die häßliche und durchaus unjüdische Erzählung vom Verkauf der Erstgeburt des Esau fortzulassen hat. Im Mittelpunkt des Religionsunterrichtes des vierten und fünften Schuljahres steht die Person des Mose. Wirbehandeln die übrigen nach ihm genannten Bücher und das Buch Iosua. Zwei Jahre haben wir für dies Pensum angesetzt, da es reich ist an religiösen Vorschriften und Gebräuchen, die Beziehung zur Gegenwart haben. Wie sie durchgenommen werden, ist bereits oben

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.