Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 3 (März 1914)
- Date
- 1914-03-01
- Page
- Seite 48 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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48 Ar. Fritz Machsnrr Zur Verbesserung des jüdischen Religionsunterrichtes o o o o Höhepunkt findet in der in allen Lebenslagen zum Bewußtsein kommenden Gewißheit des Zusammenhanges mit Gott und der Natur. verfolgt unser Religionsunterricht an den höheren Schulen dies erweiterte Ziel, so wird die religiöse Gleichgiltigkeit, die sich gerade unter unseren gebildeten Glaubensgenossen zeigt, gar bald Nachlassen. Atheisten gibt es ja weit weniger, als man im allgemeinen annimmt, ein gewisses religiöses Gefühl gehört zum eisernen Bestand der menschlichen Veranlagung, allein die Freiheit ist die einzige Atmosphäre, in der dies ungewisse Gefühl zur lebendigen Religion ausreifen -kann. Führt man ihm Nahrung zu,, so muß sich diese dem geistigen Stande des einzelnen Menschen anpassen, sonst schlägt sie nicht an oder wirkt sogar als Gift, das die schönsten Ansätze vernichtet. Dieser Gedanke wird uns bei der Auswahl und Anordnung des Lehrstoffes leiten, der uns unserem hohen Ziele entgegenführen soll. Aus dem Gesagten dürfte hervorgehen, daß der Religionsunterricht nur solche Stoffe benutzen darf, die religiösen Bildungswert besitzen, was nicht geeignet ist, die Liebe zur Religion in den Rindern zu erwecken, gehört in einen Religionsunterricht nicht hinein. An sogenannten Gesinnungsstoffen ist die religiöse Literatur sehr reich, man hat also die Möglichkeit, aus dem Guten das Beste auszuwählen. Nirgends schadet ein Uebermaß an Lehrstoff so, wie grade hier, wo es auf die Erregung feiner Gefühlstöne ankommt, die bei eiliger Behandlung einfach verloren gehen. Darum ist Beschränkung auf das wesentlichste dringend geboten. Ein zweiter Gesichtspunkt darf bei der Frage der Stoffauswahl nicht außer Acht gelassen werden: Schon Goethe hat darauf hingewiesen, daß für den Menschen nichts so interessant ist, wie wieder der Mensch. Dieser Regel unterliegt auch das religiöse Interesse des Rindes,. Aus ihr ergibt sich die Forderung, den Unterricht an die Betrachtung religiöser Persönlichkeiten anzuschließen und die Rinder daran zu gewöhnen, ihr eigenes handeln, Denken und Empfinden mit dem des Vorbildes zu vergleichen. Die Stammväter, Mose, die Propheten, nachbiblische Glaubensstreiter wie bsillel, aber auch Spinoza, das sind solche Persönlichkeiten, die die Schüler immer wieder ergreifen, während umgekehrt die Behandlung der Rönige in Juda und Israel auf sie nur abstumpfend wirkt. Die hier angestrebte „biographische Rönzentration" ermöglicht es auch, den Unterricht jederzeit an einen festen Mittelpunkt anzulehnen, um den sich bei einiger Geschicklichkeit auch die bisher meist gesondert behandelte und nur ablenkend wirkende Lehre von den Festen und religiösen Gebräuchen gruppieren läßt. Man läuft dann weniger Gefahr, diese Dinge dogmatisch zu überliefern, wenn sie im historischen Zusammenhangs auftreten, und wenn man die Gelegenheit benutzt, darzulegen, wie die großen Männer im Judentum stets auf das Leben in seinem Geiste den Hauptwert legten, ohne daß sie die kulturelle Betätigung für sündhaft gehalten hätten. Natürlich wird man auch gelegentlich Zusammenstellungen dieser Gebräuche bei Wiederholungen anfertigen lassen, aber auch sie stets unter historischen Gesichtspunkten. Bevor wir zur Aufstellung des Lehrplanes übergehen, haben wir uns noch die Frage vorzulegen, wann es angebracht ist, den Schülern die verschiedenen Stoffkomplexe darzubieten. Ausschlaggebend ist für die Beantwortung dieser Frage die Entwicklung des Interesses des Heranwachsenden Menschen, wenn das Rind in die Schule eintritt, herrscht bei ihm noch das Interesse für Märchen und Erzählungen vor. Etwa inr achten Lebensjahr treten an ihre Stelle die Sagen und etwa mit Vollendung des zwölften