Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 3 (März 1914)
- Date
- 1914-03-01
- Page
- Seite 46 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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46 Dr. Norden: Der Srderabend in S"nr K'rak o o o o zu Elieser ein Mann von mildem, versöhnlichem Wesen, und, gleichfalls im Gegensatz zu ihm, ein Gegner der Erschwerungen auf dem Gebiete der Religion. Durchdrungen von der Ueberzeugung, daß die Religion um der Menschen willen da sei und nicht umgekehrt die Menschen um der Religion willen, hat er den wichtigen Grundsatz aufgestellt: „Man soll keine Bestimmung über die Gemeinschaft verhängen, es sei denn, daß die Mehrheit der Gemeinschaft dabei bestehen kann." Zu Llieser und Iosua gesellt sich als Dritter Rabbi Elasar ben Asarja. Aus seinem Leben und Wirken ist uns nur wenig bekannt, wie geistvoll und wissensreich er jedoch gewesen sein muß, das erhellt schon aus der einen Tatsache,, daß man ihm in sehr jugendlichem Alter bereits die Würde des Vorsitzenden im Synhedrin übertragen hat. Um so eingehender sind wir über Rabbi Akiba ben Josef untexrichtet. Anfangs ein unwissender, ja bildungsfeindlicher Hirt, ergibt er sich erst in vorgerücktem Alter dem Studium und wird nach einer Reihe von Jahren einer der gefeiertsten Gelehrten. In seinem Lehrhause zu B'ne B'rak baut er ein neues Lehrsystem auf, indem er von dem Grundsätze ausgeht: „In der Thora gibt es kein überflüssiges Wort, keine überflüssige Silbe, ja keinen überflüssigen Buchstaben." Als später der römische Kaiser Hadrian die Religionsverfolgung gegen die Juden beginnt, da tritt Akiba, trotz seines hohen Alters, aus dem Lehrhause in das öffentliche Leben hinaus, leiht feine Unterstützung dem kühnen Bar Rochba, den er für den ersehnten Messias hält, und nach der Niederwerfung des Aufstandes durch die Römer stirbt er unter unsäglichen (Dualen, das Schema Iisroel auf den Lippen, den heldenmütigen Märtyrertod. Und endlich, als fünfter im Bunde, Rabbi Tarfon, bekannt durch seine energische Bekämpfung dez Iudenchristentums. Waren doch zu jener Zeit die beiden Religionen noch nicht förmlich von einander geschieden. Lebten doch damals diejenigen, die in Jesus von Nazareth den Erlöser und Gottessohn erblickten, noch im Schoße des Judentums. Da war es denn besonders Rabbi Tarfon, der die Lage der Dinge klar und scharf erkannte und seine Zeitgenossen darüber belehrte, daß das Judentum in dem Augenblicke aufhöre, Judentum zu sein, wo seine Grundlehre: „Der Ewige ist einzig" eine Erschütterung erfahren würde. Das sind die fünf jüdischen Geistesgrößen, die vor etwa achtzehnhundert Jahren in dem kleinen Städtchen B'ne B'rak den Sederabend gemeinsam begingen, verschieden in ihren Tharakteren, verschieden in ihren Auffassungen, einig aber in ihrer unbegrenzten Liebe zum Judentum, was mag wohl alles cut jenem Abend und in jener Nacht unter ihnen verhandelt worden sein? Die Haggadah meldet kurz: „Sie erzählten vom Auszug aus Egypten die ganze Nacht." Natürlich war der Ursprung des j)eßachfestes, der Auszug aus Egypten, nur der Ausgangspunkt der gelehrten Gespräche, die sich dann weiterhin wohl über alle wichtigen Gegenwarts- und Zukunftsfragen des Judentums erstreckten. Da darf es uns denn freilich nicht wunder nehmen, daß die gelehrten Männer, die ja kaum allzu oft einen mündlichen Gedankenaustausch pflegen konnten, nichts von Müdigkeit verspürten, und daß sie ganz erstaunt aufblickten, als sie in ihren Betrachtungen unterbrochen und zur Morgenandacht gerufen wurden. Jene fünf Gelehrten nun, von denen uns die Haggadah berichtet, haben uns einen Fingerzeig gegeben, wie wir die Sederabende auffassenundbegehen sollen. An