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Liberales Judentum · 1914-02-01 · Heft 2 (Februar 1914) · p. Seite 37

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 2 (Februar 1914)
Date
1914-02-01
Page
Seite 37 (sequence 17)
Language
German
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37 Hermann Zippert: Das Gebet ihm, dem betenden Menschen. Die Form des -Gebetes machte ihm dieses zum Genuß, während das Gebet selbst eine seelische Leistung, eine Energieprobe seiner Selbstbeherrschung oder ein Produkt seiner Klugheit war. So entzündet sich an dem religiösen Gedanken eine neue geistige Fähigkeit, die ihre Lebenskraft aus einem ganz anderen seelischen Fundament zieht. Zwei fremde Elemente finden sich zu einem vergleich, verbinden sich zu einer Einheit. Der Formtrieb im Menschen erprobt sein Können zuerst am religiösen -Gbfekt, da dieses das frühste geistige Betätigungsfeld des Menschen ist. Lange Zeit hindurch halten sich Religion und Kunst das Gleichgewicht, erscheinen organisch zusammengehörig und werden sich ihres verschiedenen Ursprunges nicht bewußt. Erst wenn der Gottesglaube erschüttert wird, erstarkt das künstlerische Element im Gebet auf Kosten seines Inhaltes. Der einsetzende, starke Aesthetisierungsprozeß beginnt die religiösen Inhalte des Gebetes zu zersetzen. Die Religion wird zur Dienerin der Kunst. Die künstlerische Wurzel der religiösen Zeremonieen bleibt lebensstark, die religiöse stirbt ab. Das Interesse am Gebet wird abhängig von dessen Schönheitsgehalt. Die religiösen Erscheinungsformen werden im steigenden Maße das, was sie von Geburt an sind: Symbole der Kunstidee, nicht Symbole des Gottesgedankens. Denn wo in der Welt Gedanken sich in Formen offenbaren, da hat die Kunst ihr Heimatrecht, und die religiöse Erscheinungsform ist nichts arideres als eine Kunstschöpfung, die sich die Religion zum Material erwählt hat, um an ihr ihre eigenen, keineswegs religiösen Tendenzen zu verwirklichen. Die Schönheit des Gebetes wird der Tod seines religiösen Wirklichkeitsgehaltes. Nicht mehr aus sich selbst heraus, nicht mehr infolge seines religiösen Inhalts bereitet fetzt das Gebet seelische Befriedigung, sondern weil es durch seine nur im religiösen Gewände auftretende künstlerische Formgebung das Gefühl einer geistigen Kraftleistung erzeugt. Form und Inhalt vertauschen ihre Werte. In der Religion liegt die Bedeutung des Gebetes in dem Glauben an die Wirklichkeit seines Inhaltes, in der Ueberzeugung einer mittelbaren Beziehung zwischen Gott und Mensch. Die Form der direkten Rede ist der Ausdruck eines tatsächlichen Zustandes. Der Inhalt ist alles, die Form lebt nur durch ihn, hat nur ornamentale Bedeutung. Ganz anders gestalten sich die werte aus der künstlerischen Perspektive. Die Form der direkten Rede ist hier künstlerische, symbolische Fassung einer menschlichen Seelenäußerung. Hier kann die Form nur den Inhalt lebenswahr machen. Der Inhalt selbst kann fDhantasieerzeugnis sein, denn nur die Gestaltung des Inhalts hat Wirklichkeitswert. In der Religion beglaubigt sich durch den Inhalt das Lebensrecht der Form, in der Kunst beglaubigt sich durch die Form das Lebensrecht des Inhaltes. Jetzt ist die Frage, ob Gott wirklich existiert oder nur in der Phantasie des Menschen, völlig gleichgültig geworden. Auch der erträumte Gott ist nun in dem Maße wirklich, wie er seinen künstlerischen Ausdruck gefunden hat, während Gott als religiöse Realität gedacht nur wirklich ist, wenn er dem Gläubigen hilft. In der Religion bedeutet Wahrheit die Uebereinstimmung meiner Vorstellung mit der von mir unabhängigen Wirklichkeit, in der Kunst ist Wahrheit die Uebereinstimmung meiner Vorstellung mit der von mir erst erzeugten Wirklichkeit. Die glaubwürdige Scheinbarkeit wird zur ästhetischen Wahrheit, so gewiß in. der Kunst der Schein der Wahrheit die Wahrheit selbst ist. Nur so, nur als Kunstschöpfung kann das Gebet, können die religiösen Erscheinungsformen überhaupt dem modernen Menschen

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