Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1914)
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 27 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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27 Gotthard Deutsch: Der Glaube an Hobelspäne Oer Olaube an tlobellpäne. kin Beitrag zu* den inneren Kämpfen im Judentum der Gegenwart. Von Gotthard Deuttch-Cincinnati. (forttetjung.) wie steht nun der moderne Mensch, wenn er noch so orthodox ist, zur Rabbalah? 3n der Praxis jedenfalls affirmativ. Das populäre Gebetbuch in der Rödelheimer Ausgabe enthält die Formel, die beim Anlegen des Tallith zu sprechen ist: „Wie ich meinen Leib .in die Zizith hülle, so möge meine Seele mit ihren 2^8 Gliedern und ihren 365 Muskeln von dem Lichte der Zizith, welche 365 bedeuten, eingehüllt werden, und wie ich mich mit dem Tallith in dieser Welt bekleide, so möge mir der Tatar der Rabbinen und der köstliche Tallith in der künftigen Welt zuteil werden, und um der Erfüllung des Zizith - Gebotes willen mögen mein Wesen, mein Geist und meine Seele gerettet werden von den unsauberen Geistern (chizonim), und der Tallith möge seine Fittige über sie (meine Seele) ausbreiten und sie retten, „wie der Adler sein Nest bewacht und über seinen Zungen flattert". Die letzten Rödelheimer Ausgaben haben diesen Gallimathias ein wenig reformiert, aber der New Yorker Nachdruck des Gebetbuches ist der Tradition treu geblieben. Man hat offenbar in Frankfurt a. M. auch gelegentlich das Bedürfnis neue „Richtlinien" zu entwerfen. Zn früheren Zähren war der „Zsraelit" gläubiger. Der kürzlich (7. Febr. ^3) verstorbene Dr. Robak hatte als Rabbiner von Bamberg das Abklopfen der Weidenzweige (Hoschanot) am letzten Tage des Sukkotfestes abgeschafft, mit der Begründung, daß dieser Brauch eigentlich kabbalistischen Ursprunges sei. Der „Zsraelit"?) griff diesen Bilderstürmer heftig an und meinte, „wollte Herr Dr. Robak alle kabbalistischen Momente aus unserem religiösen Leben ausmerzen, so würde er eine ungeheuere Zerrüttung Hervorbringen". Das „heilige Soharbuch" wird wiederholt im „Zentralorgan für das orthodoxe Zudentum" zittert?) jedoch scheinen auch in dieser Beziehung in jüngster Zeit in aller Stille neue Richtlinien angenommen worden zu sein, denn unter der gleichen Flagge darf Rabbiner Dünner aus Rogasen es wagen, von dem „Sohar des Moses de Lion" (sie) zu sprechen?) So wird denn auch den Epigonen der Orthodoxie die Gläubigkeit ihrer Ahnen mitunter unbequem. Salomon jAeßner ((79?—(883), ein höchst interessanter Vertreter der Neu-Grthodoxie, hat in seinem Lehrbuche der Religioni") den Zohar ausdrücklich unter den Quellen der jüdischen Religionslehre aufgezählt. Sein Sohn Elias und fein Enkel Hartwig Hirschfeld haben diese klare Tatsache umgedeutet und behauptet, sAeßner hätte von dem Zohar bloß als von einem exegetischen Hilfsmittel gesprochen,^) ein weiterer Beweis dafür, daß wir uns nicht auf ganz sicherem Boden befinden, wenn wir aus den talmudischen Berichten über die Ansichten der alten Rabbinen Schlüsse ziehen. Man könnte über die Stellung der alten Orthodoxie zur Uabbala ein ganzes Buch schreiben, wertvolles Material hat Th. N. Dembitzer zu dieser Frage gesammelt,12) obwohl er das Gebiet natürlich nicht erschöpft hat. Salomon Luria, obs) Der Israelit, 1874, S. 823; 1880, S. 909; 1883, S. 225. s) Der Israelit, 1908, Nr. 48, S. 11. 10) Jüd. Mos. Religionsunterricht, Berlin, 1839, S. 47. 11) Biblisches und Rabbinisches aus Pleßners Nachlaß, S. 44. Siehe Ziemlichs Bemerkungen in Allg. Zeitg. d. Judt. 1898, 106. 12) Kelilat Josi, Bd. II, S. 6 et sog. Krakau, 1893. i) 1867, 398.