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Liberales Judentum · 1914-01-01 · Heft 1 (Januar 1914) · p. Seite 19

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Journal
Liberales Judentum
Volume
6 (1914)
Issue
Heft 1 (Januar 1914)
Date
1914-01-01
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
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19 Aus der Jugendbewigung Der in der politischen Entwickelung Preußens eingetretene Stillstand ließ das Edikt nicht zur vollständigen Ausführung kommen, beschränkte es auch nur auf die im Jahre 18(2 zur Krone Preußens gehörigen Länder und schuf eine Reihe von Jahren hindurch eine bunte Musterkarte von Jugendgesetzgebungen in Preußen, denen das Gesetz von \8^7 abhelfen sollte; allein auch dessen Bestimmungen wurden im Jahre \8%8 anulliert und die Unabhängigkeit der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte von dem Glaubensbekenntnis durch die Verfassung vom 3J- Januar 3(850 verbürgt; allerdings wird in die hier gewährleisteten Rechte auf dem Verwaltungswege hier und da Bresche zu legen versucht. Die Juden waren sich der Pflichten gegenüber dem Vaterlande wohl bewußt; Krieger aus ihrer Mitte bluteten für die neuerworbenen Freiheiten auf den Schlachtfeldern von (8^3/315, und auch in den späteren Kriegen wurde ihr Patriotismus, ihr tapferes Verhalten vor dem Feinde durch vielfache Auszeichnungen anerkannt. Die vor ^00 Jahren angebahnte Assimilation ist noch nicht in das Bewußtsein des Volkes genügend eingedrungen; aber es ist ein durchaus nicht zu billigender Standpunkt, deshalb die ganze Gleichberechtigung aufzugeben und zu erklären: „wir sind nicht National-Deutsche". In dem Augenblicke, als die Tore des Ghetto fielen, strömten die Juden hinein in alle Berufe, strömten hinein in das Gemüts- und Geistesleben der Wirtsvölker, in die Kultur Europas. Sie beteiligten sich hervorragend am politischen Leben und sind Anhänger der verschiedenen Parteien gewesen. Auf dem Gebiete neuer und neuester Kunstrichtung haben sie sich bahnbrechend betätigt; die dramatische Bewegung der Jetztzeit haben sie geradezu angeregt. Unleugbar sind auch heute gewisse jüdische Eigenarten vorhanden, bedingt durch Rasse, Inzucht, jahrhundertelang mangelnde körperliche Erziehung, die auf der Unkultur des Ghetto beruhte. Betätigung auf den Gebieten des Ruder-, Schwimm-, Turnsports usw. läßt gewisse körperliche Unterscheidungen allmählich dahinschwinden. Die jüdische Rasse bedingt eine jüdische Eigenart nicht; vielmehr ist es sehr wohl möglich, Unterscheidungen abzustreifen. Hierzu kommt, daß gar keine rein germanische Rasse vorhanden ist. Der Wunsch nach Assimilation ist nicht etwa kriechendes Aufgeben seiner selbst, die Achtung vor einander ist lediglich durch Selbstachtung bedingt, und letztere ist eine Hauptforderung des Liberalismus. Nach dieser Richtung hat der Zionismus unleugbare Verdienste; er hat einen Sammelruf an die jüdische Jugend ertönen lassen und das Selbstbewußtsein erheblich gestärkt, aber diese Bewegung darf nicht zu einer chauvinistischen ausarten und sich in bewußten Gegensatz zu anderen stellen. Das Interesse für Religion und religiöse Lehren bildet kein Hindernis für die Assimilation, für die Teilnahme an kulturellen Fragen gemeinsam mit anderen. Eine Entwickelung des Judentums in liberalem Sinne führt nicht zum Abfall von einem Glauben, der sich stark genug erwies, die Gedrückten in den Ghettomauern über alle Fährnisse des Lebens zu geleiten. Man kann das Rad der Zeit nicht mehr um 2000 Jahre zurückschrauben und eine nationaljüdische Gemeinschaft begründen, schon die notwendigste Voraussetzung für eine solche, die Sprache, fehlt. Ein zielbewußtes Eindringen in die uns umgebende Kultur, das ist eine Hauptforderung des Liberalismus; dann werden auch die Unterschiede und das Gefühl der Minderwürdigkeit verschwinden. Die Assimilation kann unter Wahrung der religiösen Anschauung geschehen. Bei der UebErzeugung, daß die deutsche Kultur auch unsere Kultur ist, kann jeder ein guter Deutscher jüdischer Religion sein. (Lebhafter Beifall.) In der sich hieran anschließenden lebhaften Diskussion betonten einige zionistische Redner, daß ihrer Ansicht nach die Assimilation zum restlosen Aufgehen des Judentums führe, also eine Gefahr für die Gesamtheit desselben bedeute. Der Zionismus, der das Wohl des Gesamtjudentums fördern wolle, beabsichtige keineswegs eine Loslösung von der deutschen Kultur. Mehrere liberale Redner, insbesondere Herr Rechtsanwalt Dr. Jaffa in seinem Schlußwort, führten hingegen aus, daß der Zionismus mit seiner Forderung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte völlig utopische Ideale

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