Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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18 Aus der Jugendbewegung o o o o Einsicht kommen, daß eine völlige, reinliche Scheidung in beiderseitigem Interesse liegt. Die weitere Entwicklung der Hauptgemeinde kann sich nur in liberalem Geiste vollziehen. Sie wird noch manche große Aufgabe lokaler wie allgemeiner Natur zu lösen haben. Aus dem bisher Erreichten darf die Hoffnung geschöpft werden, daß sie ihrer nun schon zur Tradition gewordenen Richtung treu bleiben und alles daran setzen wird, das jüdisch-religiöse Leben in Nürnberg auch unter der Aegide des Liberalismus zu einem kräftigen und selbstbewußten zu gestalten. Ueber solche Bestrebungen soll auch fernerhin in diesen Bltätern Bericht erstattet werden. flus der Jugendbewegung. Jüdisch-liberaler Jugendverein Pssen. Am 10. November veranstalteten wir einen öffentlichen Vortragsabend, an welchem Herr Rechtsanwalt Dr. Jaffa-Berlin, über: „Assimilation und jüdische Eia enart" "sprach. Das Thema lockte eine so zahlreiche Zuhörerschaft herbei, daß der große Saal des „Hotel Bazar" überfüllt war. Der einstündige Vortrag des Rechtsanwalts Dr. Jaffa gipfelte in folgenden Ausführungen: Aus einem nomadisierenden Stamme war ein Volk geworden, ein politischer Faktor mit eigenen Sitten und Gebräuchen, mit eigener Sprache und Kultur, mit eigenem Gott, der höher steht als die Gottheiten anderer Völker. Das Volk, das in Kanaan einwandert, wird durch Blut und Eisen zusammengeschweißt und bildet schließlich eine nationale Einheit. Bald finden wir auch zahlreiche Angehörige des Volkes außerhalb ihres Mutterlandes, aber in steter Fühlung mit demselben. Auch in der Fremde bewahrten sie ihre Eigenart, die auf die Kulturentwickelung Palästinas zurückzuführen ist; nicht aus Hochmut, sondern kraft der historischen .Tatsache, daß jedes Volk sich damals von dem andern nach Möglichkeit abzuschließen suchte. Die Abschließung blieb auch nach der Zerstreuung im allgemeinen bestehen, aber da, wo die Schranken durchbrochen und die Gleichberech- Ügung der Juden anerkannt wurde, da gehen letztere in hervorragendem Maße ganz in der Kültur des Volkes auf. Andererseits hatten verschiedene Völker nicht den Wunsch, mit dem Gastvolke sich zu verschmelzen, und hier kam es vielfach zu Vertreibungen und Auswanderungen. Folgenschwere Einschnitte bilden die Hexenprozesse, die Inquisition und die zahlreichen blutigen Kriege um des Glaubens willen. So war es endlich im Laufe des Rlittelalters dahin gekommen, daß die Juden vielfach in politischer und sozialer Beziehung vollständig zerdrückt und entwürdigt waren. Sie lebten im — häufig ummauerten — Ghetto, trugen schändende Abzeichen, entrichteten Leibzoll und andere drückende Abgaben, waren vom Handwerk, Landbau, von öffentlichen Aemtern, vom regelmäßigen Gewerbebetrieb ausgeschlossen; Kleinhandel und Geldgeschäfte waren die einzigen Erwerbsquellen. Dabei war Leben und Eigentum den steten Angriffen unversöhnlicher und habgieriger Feinde preisgegeben. von wissenschaftlichen Bestrebungen war keine Rede, das Morgenrot der anbrechenden neuen Zeit leuchtete noch lange nicht in die Iudengassen hinein. Aber die nationale Literatur wurde mit unüberwindlicher Zähigkeit festgehalten, aus ihr schöpfte der jüdische Geist neue Stärkung, durch sie fühlte er sich über die ihn umgebende barbarische Welt erhoben. So kamen die Juden allmählich bis ins 19- Jahrhundert hinein. Die französische Revolution von 1789 hatte mit ihrer Anschauung von der Gleichberechtigung der Menschen den letzten Resten des mittelalterlichen Staates mit einem Schlage ein Ende gemacht; 1791 erklärte die Nationalversammlung alle Juden, welche den Bürgereid leisteten, für Staatsbürger. Die Ideen der französischen Revolution, von einflußreichen Philosophen weitergetragen, wirkten auf diesem Gebiete auch in anderen Ländern bahnbrechend. Die Juden wurden auf diese Weise durch Dekrete und Gesetze von der Behörde assimiliert. In Preußen hob die Stein-Hardenbergsche Gesetzgebung mit dem Edikt vom U. März 1812 das Schutzgeld und die solidarische Verbindlichkeit auf und erklärte alle Juden in Preußen zu Staatsbürgern, die gleiche bürgerliche Rechte und Freiheiten mit den Christen hatten.