Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o 11 Zur Abwehr! Erwiderung. des Rechtsanwalts Ar. Saut an die Hauptgemeinde zahlen; indessen begreift man ohne weiteres, daß diese Zahlungspflicht praktisch ziemlich imaginär war, da sie zum größten. Teile nur eben ihr Auskommen, vielfach nicht einmal dieses haben. Andererseits hat, in Fällen der Not, ihnen gegenüber die Liebestätigckeit der Hauptgemeinde niemals versagt, was gerade von galizischer Seite stets dankbar anerkannt worden ist. Der in dem Aufsatze des Herrn Dr. Witkowsky in recht unschöner Meise bloßgestellte Gemeinderabbiner erfreute sich stets und erfreut sich auch heute noch gerade in den Kreisen der galizischen Glaubensgenossen der höchsten Achtung und Beliebtheit. So lebte man lange Zeit friedlich miteinander. wie wenig von Intoleranz auf Seiten der Hauptgemeinde die Rede sein kann, beweist am besten die Tatsache, daß der Gemeinderabbiner bei der Hauptgemeinde sogar eine geldliche Unterstützung gewisser religiöser und gemeinnütziger Veranstaltungen der galizischen Separatisten angeregt, und daß diese Anregung eine durchaus wohlwollende und entgegenkommende Aufnahme bei maßgebenden Mitgliedern der Gemeindeverwaltung gefunden hat. Dieser Zustand paßte den Zionisten nicht. Das einzige, was-für sie in Betracht Lam, war die unleugbare Tatsache, daß die galizischen Glaubensgenossen einen stattlichen Heerbann durchaus orthodox gesinnter Elemente darftellen. Und fetzt vollzog sich ein Schauspiel, das zur blutigsten Satire herausfordert: Unter zionistischer Führung wurde die „Orthodoxie" Duisburgs gesammelt zum Sturm gegen die liberalen Gemeindekollegien! In einer Gemeinde, in welcher es — abgesehen von den Galiziern —, orthodoxe Juden im strengen Sinne überhaupt nicht gibt, kämpfte eine „orthodoxe" Partei gegen die wirklich sehr bescheidene Liberalisierung des Gottesdienstes! Die Führer und Kandidaten dieser Partei waren und sind in Glauben und Lebensführung genau so liberal, vielleicht manchmal noch liberaler, als ihre offen liberalen Gegner. Jedem Eingeweihten war es von vornherein klar, daß die sogenannte Orthodoxie nur Mittel zum Zweck für zionistische Machtbestrebungen war. Das Unerhörte geschah: Um die Majorität zu erlangen, wurden unter Vermittelung des Führers der Lhassidim die galizischen Glaubensgenossen als Streiter für die „orthodoxe" Sache aufgeboten. Nun muß doch jedem Einsichtigen klar sein, daß es höchst verfehlt ist und zu verhängnisvollen Folgen führen muß, wenn in Gemeinden mit einer ausgesprochenen religiösen Grundrichtung und Stimmung — sie sei nun liberal oder orthodox — der versuch unternommen wird, auf gewaltsamem Wege, insbesondere etwa durch künstliche Herstellung einer Majorität anders Gesinnter, dem Gemeindeleben etwas aufzuzwingen, was als wesensfremd empfunden und daher instinktiv abgelehnt werden muß. Auch wird kein Billigdenkender bestreiten können, daß es weder gerecht noch vernünftig ist, wenn soeben erst aus einem ganz anderen Kulturmilieu Eingewanderte dazu aufgerufen werden, gewissermaßen Äs Richter und Gutachter sich zu betätigen über die hiesigen religiösen und organisatorischen Verhältnisse in der Gemeinde, in der sie doch erst heimisch werden wollen, und wenn man sie zu diesem Zweck vom Bahnhof aus sozusagen an die Wahlurne schleift. Hätten die Zionisten des Geistes wahrer Toleranz auch nur den leisesten Hauch verspürt, so hätten sie derartiges nie unternommen. Als nun die Zionisten hier in unverantwortlicher weise die armen — zum großen Teil erst vor ganz kurzer Zeit hergewanderten — Galizier, die meist garnicht wußten, worum es sich handelte, in Automobilen zur Wahlurne schleppten, da bäumte sich mit vollem Recht der jüdische Gemeinde-